Reise nach China
und wieder zurück

April - September
2011

Seite 10


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Warten am Zoll - einfach toll


Zollübergang von der Ukraine nach Russland. Die Barriere entspricht dem
neusten Stand der Technik und wird von Hand bedient (unten).







In diesem repräsentativen Häuschen hat der Versicherungsmakler seinen
Geschäftssitz, bei dem wir eine Haftpflichtversicherung abschliessen.





Während wir im bequemen Camper die Wartezeit verbringen können,
müssen diese Gastarbeiter aus Pakistan und Afghanistan in der heissen
Sonne ausharren. Mit dem Bus werden sie von einem Zollhof zum andern
gefahren, damit sie "en bloc abgefertigt" werden können. Wernn wir ihnen
einen Kaffee anbieten, sind sie erst überrascht, aber sie nehmen ihn dann
dankbar an.
4. Juni 2011 - Der Übergang von einem Land der ehemaligen Sowjetunion in ein anderes, so könnte man meinen, sei eine einfache Angelegenheit. Dem ist aber absolut nicht so.

Man benötigt viel Zeit und Geduld, um im ehemaligen Ostblock von einem Land ins nächste zu wechseln. Wir registrierten die folgenden Zeiten:
- 4 Stunden von Polen in die Ukraine
- 6 Stunden von der Ukraine nach Russland
- 5 Stunden von Russland nach Kasachstan
- 4 Stunden von Kasachstan nach Usbekistan
- 5 Stunden von Usbekistan nach Kasachstan
- 2 Stunden – nur – von Kasachstan nach Kyrgyzstan
- 8 Stunden von Kyrgyzstan nach China (davon 7h China)

Dabei wurden wir manchmal sogar noch privilegiert behandelt; manche Lastwagenfahrer warten oft Tage, bis sie die Grenze überqueren dürfen. Oder es kann vorkommen, dass die Grenze während Tagen geschlossen ist – ohne Vorankündigung, ohne Angabe von Gründen, wahrscheinlich auch ohne jeglichen Grund. Wenn man besonderes Pech hat, beginnt eine halbe Stunde nach der Ankunft die Mittagspause. Dann heisst es in der Schlange vor den Schaltern weiter warten, sonst muss man wieder hinten anstehen.

Die Bürokratie ist an den Zollstationen sehr gut entwickelt und befindet sich auf höchstem Niveau, eine höhere Entwicklungsstufe ist sehr wahrscheinlich nicht mehr zu erreichen. Wären wir nur einfache, einheimische Reisende, zu Fuss und mit wenig Gepäck, dann wäre der Grenzübertritt in etwa einer Stunde zu schaffen, mit etwas Backschisch vielleicht in dreissig Minuten. Wir aber sind Autobesitzer, haben erst noch Campingcars mit Inventar, mit Kleidern und Lebensmitteln, mit WC und Dusche. Das will angeschaut, registriert, betastet, kontrolliert und in den Zollheften („Schurnal“) vermerkt werden. „Avtopassaporti, dawai, dawai!“. Ich habe schnell gelernt, dass das „Fahrzeugpapiere, hopp, hopp`!“ heisst. Dann wollen sie – obwohl alles in den Ausweisen steht – die Farbe und die Marke des Autos wissen, welches die Autonummer sei, ob ich ein Schwede („Schwedarskji?“) wäre („Niet, Schweizarskji“), und ob ich einen Mitfahrer hätte („Passaschir?“).

In der Regel bekommt man bei der Einfahrt in den Zollhof (jedes Land hat einen eigenen) einen etwa postkartengrossen Zettel in die Hand gedrückt. Jede Zollstelle (je ein separater Schalter für Autopapiere und Pass; dann die Waren- und Devisenkontrolle), drückt darauf ihren Stempel. Nur wer alle notwendigen Stempel besitzt, darf den Zollhof wieder verlassen. Wir informieren uns jeweils untereinander, welche Stempel man wo ergattern kann, und welche man unbedingt auch im Pass neben dem Visa haben sollte. Am verriegelten Ausgang wird man noch einmal mit einer Videokamera erfasst, und irgendwo im Labyrinth der Zollanlage drückt ein Beamter auf jene Taste, welche das Signal auf Grün schaltet und die Barriere hebt, oder, was die Regel ist, einem dösenden Soldaten den Befehl erteilt, den bestempelten Zettel auf Vollständigkeit zu prüfen und dann das Tor aufzuschieben. Wehe, du hast nicht alle Stempel: Dann heisst es zurückfahren und „Dawai! Dawai!“ den noch fehlenden einzufordern.

Wenn alle Zollübertritte nach dem gleichen Schema abliefen, wäre man irgendwann ja mal routiniert genug und könnte den Ablauf planen und einteilen. Aber dem ist nicht so: Beim einen Zoll wird zuerst das Auto kontrolliert, beim andern der Passaschir. Dann wieder wird ein Camper schön nach dem anderen abgefertigt, dann wieder alle zehn en bloc.

Als Camper sind wir ja gegenüber den anderen Reisenden privilegiert. Wir können uns die Wartezeit im Wagen bequem einrichten, uns verpflegen, haben ein eigenes WC und uns, wenn wir die Wartezeit kennen, auch mal hinlegen oder ein Buch lesen. Nur fotografieren darf man im Zollbereich nicht, das ist strengstens untersagt. Dabei hätte es jede Menge attraktiver Sujets: sich langweilende Wächter, herumstolzierende Offiziere, gehetzte Grenzgänger, mit riesengrossen Plastiktaschen behängte Männer und Frauen, die irgendwelche Waren vom einen Land ins andere schleppen und dort hoffentlich für ihre Waren einen Markt finden. Und es schwirren allerhand Leute wie Devisenhändler, Mineralwasserverkäufer, Versicherungsmakler oder Bus- und Taxifahrer umher, die ihre Dienstleistungen laut und aufdringlich an den Mann bringen wollen.

Gleich hinter den hohen Zäunen der Zollhöfe, auf beiden Seiten der Grenze, haben sich die Basaris eingenistet. Angeboten wird alles, was hier gefragt ist: gekühltes, oft jedoch lauwarmes Mineralwasser, Kaffee, Gemüse und Obst, Brot und allerlei Süssigkeiten. Wo Rauch aufsteigt, ist Schaschlik zu haben. Neben der Strasse aufgereihte Tische und Stühle sind Anzeichen einer gehobenen Gastronomie, und Sonnenschirme signalisieren, dass es darunter frisch zubereitetes Softeis zu kaufen gibt. Ich habe mich übrigens von all diesen Angeboten nie verführen lassen.

Das grösste Erlebnis ist jedoch die Durchfahrt durch die Auto-Desinfizieranlagen. Autos aus Ländern, die irgendwelche unerwünschten Bakterien oder Viren einschleppen könnten -
und dazu gehören vor allem Fahrzeuge aus westeuropäischen Ländern - müssen eine Furt in Form einer überdimensionierten Badewanne durchwaten. Die Wassertiefe beträgt etwa dreissig Zentimeter, die Desinfektionsflüssigkeit ist nichts anders als eine braune, stinkende Lehmbrühe, und wenn man mit zu wenig Schwung in die Wanne einfährt, besteht die Gefahr, dass man darin stecken bleibt. Sei's drum, wir sind in jedem Falle eine Attraktion und eine willkommene Abwechslung für die wartenden Grenzgänger.

 

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Zollhof von Kasachstan - Die Lastwagen warten im Vorfeld des Zollhofs oft tagelang auf die Abfertigung.

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Geldwechsler (links), Mineralwasserhändlerinnen (rechts) und Brotverkäuferinnen (unten) warten auf Kunden

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Strassenschild nach dem Grenzübergang bei Taschkent (links): 457km nach Duschanbe, 1'071km nach Kabul, 1'859km nach Teheran.
Bild rechts: Händlerinnen bringen Ware aus China über die Grenze (Grenze Kasachstan - Kyrgyzstan)


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Praktisch: Unmittelbar neben diesem Restaurant befindet sich die Apotheke. Sollte es einem Gast schlecht werden, ist Hilfe nah (links).
Rechtes Bild: Nein, dies ist kein Grenzübergang, sondern eine Kontrollstelle der Polizei, wie sie in den ehemaligen Ländern der
Sowjetunion alle 50 bis 100km anzutreffen ist. Im Schritttempo fahren, damit die Augen des Gesetztes die Nummernschilder
registrieren können, ist angesagt; Fotografieren wäre strengstens verboten.



Chinas Zollhof vor Kashgar: Sehr gepflegt, sauber und grosszügig angelegt, aber kaum Verkehr, denn die Strasse über den Turugut-Pass ist
auf der kyrgysischen Seite sehr schlecht, und mit dem Auto auf 3'850müM hochklettern ist auch nicht jedermanns Sache. Da die Zollbeamten
für ihre Website Fotos von unserem Konvoi machen, dürfen auch wir fotografieren - ausnahmsweise, sagt der befehlshabende Offizier.


© .by Bruno Kleger CH-9000 St.Gallen ¦ bruno@kleger.net ¦ April 2011