Reise nach China
und wieder zurück

April - September
2011

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Oase Dunhuang: Der Mondsichelsee


Die Sanddünen sind einige hundert Meter hoch. Das Erklimmen
im heissen Sand ist beschwerlich, umso befreiender ist der
schnelle Abstieg.


25. Juni 2011 - Jiuayuchuang
Wenn eine Landschaft nach chinesischen Vorstellungen schön ist, dann wird sie täglich von einigen Tausend Touristen buchstäblich überfallen. Ganz besonders gilt das für Orte, die wir als "häärzig" bezeichnen würden.

Der Mondsichelsee im östlichen Zipfel der Takla-Makan-Wüste, in der Oase Dunhang am Fuss der Qinlian-Bergkette, welche die Takla-Makan von der tibetischen Hochebene trennt,
ist so ein Ort. Fotos dieser Kleinoase, die malerisch von mächtigen Sanddünen umrahmt wird, hängen in Millionen chinesischer Stuben. Zwar ist der See eigentlich eher ein mittlerer Weiher, aber er wirkt damit umso bedrohter inmitten der rauhen Wüstenwelt.

Und wie es sich für eine chinesische Touristenattraktion gehört, ist sie ausgestattet mit einem riesigen Eintrittstor, mit Pagoden und Pagödlein, mit Teestuben und Souvenirmarkt - und allerlei mehr oder weniger sinnvollen Attraktionen, so beispielsweise einer Piste für Sandboarder oder Kamelkarawanen, die den unsportlichen Touristen das mühsame Beklettern der Sanddünen ersparen.











Die Melonenbomber

Wenn wir mit dem Camper auf Chinas Strassen unterwegs sind, dann sind Lastwagen unsere engsten
Begleiter. Wir überholen sie, weichen ihnen aus, lassen sie an uns vorbeidonnern, riechen ihre
Abgase, putzen den von ihnen aufgewirbelten Staub von den Scheiben, kämpfen an den Tank-
stellen rücksichtslos mit ihnen um jeden frei werdenden Zapfhahn, versperren ihnen die Ausfahrt
von den Standplätzen oder hupen mit ihnen um die Wette, wenn nicht klar ist, wer Vortritt hat.
Man grüsst sich, man winkt einander zu, zuweilen schenkt man sich sogar ein Lächeln - wir sind
gewissermassen Kollegen der Landstrasse. Der einzige, aber gewichtige Unterschied: Sie fahren,
weil sie müssen, weil es ihre tägliche, strenge Arbeit ist - wir fahren aus Vergnügen.

Die meisten dieser Lastwagen sind riesige Ungeheuer, 6-, 7- oder gar 8-achsig, manchmal gegen
dreissig Meter (!) lang und der Kategorie der 40-Tönner zuzuordnen. Es gibt nur wenige, die leer
oder nur leicht beladen durch die Gegend fahren. Die meisten sind entweder gewichtsmässig überladen
oder sie sprengen volumenmässig alle erlaubten Masse, sowohl in der Höhe, der Breite als auch der Länge.
Viele schwanken verdächtig, und wenn die Strasse nur wenig ansteigt, kriechen sie im Fussgängertempo
bergwärts und verpesten die Luft mit riesigen, pechschwarzen Rauchfahnen. Aber noch unheimlicher sind
die Talfahrten. Obwohl da ebenfalls im Kriechgang gefahren wird, werden bald einmal die Bremsen heiss.
Damit diese den Dienst nicht quittieren, werden sie mit Wasser gekühlt,
das aus speziell dafür eingebauten
Behältern auf die Bremsbeläge tropft.
Eine typisch chinesische Erfindung - genial, aber sehr gefährlich.

An einer Raststätte habe ich zugeschaut, wie die Mannschaft eines Lastwagens - in der Regel besteht
sie aus drei Personen: zwei Chauffeure, die sich beim Fahren abwechseln, sowie einer Hilfskraft (Mann oder Frau)
fürs Beladen, fürs Kochen und für andere Hilfsdienste - ihre Ladung kontrollierte und wegen der unsicheren
Wetterlage mit Planen zudeckte. Sie hatten Melonen geladen - in Kartonschachteln à 6 Stück schonend
verpackt. Die Schachteln waren versetzt aufgetürmt, so, wie man eine gute Mauer baut, und mit Holzlatten
sowie dicken Tauen fest verzurrt.

Nach meiner Berechnung (Länge x Breite x Höhe der Ladung) hatte das muntere Trio rund 6'000 Schachteln
geladen. Das wären nach Adam Riese 36'000 Melonen, oder, weil eine chinesiche Honigmelone rund zwei Kilo wiegt,
eine Ladung von rund 72 Tonnen, also etwa 30 Tonnen mehr als erlaubt. Und mit dieser süssen Ladung
fahren sie über Stock und Stein, durch eine rund 80km (!) lange Baustelle, tief gefurcht, holprig und extrem staubig.
Ein Lastwagen ist rund sechs Stunden unterwegs, um die Baustelle zu durchfahren; wir benötigten mit unseren
relativ leichten Fahrzeugen dreieinhalb.

Die Fahrer des Melonenbombers kümmert das wenig: Ihr Ziel ist eine der Millionenstädte im Osten, wo die
Einwohner sehnlichst die süssen Melonen erwarten. Sie (Fahrer und Melonen) sind einige Tage unterwegs, und
beide hoffen inbrünstig, dass sie keine Panne haben und die Ladung am Ziel gewinnbringend an die Melonenhändler
verkaufen können bzw. nicht zermamscht werden und den Menschen schmecken, von denen sie gekauft werden.

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Die Chauffeure sind erst dann zufrieden mit ihrer Zuladung, wenn sie links und rechts mindestens einen Meter hinausragt (links).
Dieser Laster (rechts) hat Soja-Sauce geladen, etwa 60'000 Liter, nach Adam Riese sind das 60 Tonnen.

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Überholen in der Baustelle, dass es nur so staubt (links). An den Rastplätzen sind die Pneuflicker rastlos an der Arbeit (rechts).



Das ist kein U-Boot, auch nicht ein Gefahren-Transport der besonderen Art, sondern ein ganz normaler Lastwagen mit einer für China üblichen Ladung.
Besonders zu beachten ist die hintere Ausladung, die in den Kurven weit in die Gegenfahrbahn hinausschwenkt.



Wenn man genau hinschaut und richtig zählt, hat dieser Autotransporter achtzehn PWs geladen (oben zwei Reihen, unten eine).




Sehr eindrückloch, von der Seite gesehen. Wenn ein solcher Transporter aber von vorne heranbraust, findet man es nicht mehr so lustig.


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Links und rechts, und auch aus der Ladung heraus, wird an schmalen Stellen der Transport "begleitet". Links: Herunterhängende Elektrokabel werden
hochgedrückt. Rechts: Kein blinder Passagier, sondern ein Lotse im hinteren der Teil der Ladung. Ich habe übrigens 21 geladene PWs gezählt.

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Die Dame links rennt an heiklen Stellen mit und ist dafür besorgt, dass kein Auto "verlorengeht", und dass, wenn ein anderes Gefährt gestreift
würde, diesem die Schuld zugeschoben werden könnte. Weil mein Camper eine grosse "4" vorne und hinten aufgeklebt hat (Mein Auto ist
die Nummer 4 im Konvoi), machen alle Chinesen einen grossen Bogen um mein Fahrzeug: Die "4" ist in China die Unglücksnummer, wie in
Europa die "13". Man meidet diese Zahl, man weicht ihr aus; manche Hotels haben deshalb keinen vierten Stock und keine Zimmer mit der
Nummer 4.
Rechts: Wir haben dem Fahrer des Melonenbombers eine Frucht abgekauft. Sie kostete 10 Yuan (CHF 1.10) und schmeckte vorzüglich.



© .by Bruno Kleger CH-9000 St.Gallen ¦ bruno@kleger.net ¦ April 2011