Reise nach China
und wieder zurück

April - September
2011

Seite 19


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Grosse und kleine Dörfer, kleine und
grosse Städte - sowie von der Art und
Weise, wie man hierzulande Hotel- und
Kongressbauten erstellt





Chinesische Schiess-Scharten-Architektur

12. Juli 2011 - Chengdu
Chengdu, die Hauptstadt der Provinz Sichuan, hat sehr wahrscheinlich* 11 Mio. Einwohner (*Sehr wahrscheinlich - in der Folge mit s.w. abgekürzt - heisst, dass Chengdu möglicherweise mehr Einwohner hat, vielleicht 13 Mio - ganz sicher aber nicht weniger.).

Nach chinesicher Definition ist eine Siedlung erst dann eine Stadt, wenn sie mehr als 500'000 Einwohner hat. Darunter spricht man in China von einem kleineren oder grösseren Dorf (Die Schweiz besitzt demnach keine einzige Stadt, sondern nur mehr oder weniger grosse Dörfer.).

Millionenstädte gibt es in China viele. Die einen haben wenig bekannte Namen wie Lanzhou (s.w. 9 Mio. E.), Guangyuan (s.w. 3 Mio.), Luoyang (s.w. 4 Mio.), Nanning (s.w. 3 Mio.) - und einige Dutzend weitere mehr, deren Namen in Europa noch niemand gehört hat. Einige Städte sind bekannter wie Xian (s.w. 13 Mio.), Guangdong (s.w. 16 Mio.), Shanghai (s.w. 17 Mio. oder so) oder Beijing (s.w. 18 Mio., eher aber 22-23 Mio.).

Die grösste Stadt in China, ja s.w. die grösste Stadt der Welt überhaupt, ist Chongqing mit s.w. 37 Mio. Einwohnern. Gezählt hat sie (die Einwohner von Chongqing) noch niemand. Und deshalb würde es nicht erstaunen, wenn Chongqing effektiv 40 Mio. oder noch mehr Einwohner hätte, was übrigens viele Chinesen glauben (Chongqing liegt am Fluss Yangtse, dort, wo er sich wegen des grossen, rund 400km weiter stromabwärts gelegenen Staudamms zu einem See staut.).

Im weiteren ist heute in China eine Siedlung erst dann eine Stadt, wenn sie täglich mehrere veritable Verkehr-Staus vorweisen kann. Es gehört zum städtischen Stolz, ja zum eigentlichen städtischen Selbstverständnis, dass mindestens an einem Ort in der Stadt der tägliche Stau spätestens morgens um fünf Uhr entsteht und sich frühestens abends erst kurz so vor Mitternacht wieder auflöst. Man ist stolz auf seine Staus - und manche Städte wetteifern miteinander, die grössten Staus aller Zeiten (GRÖSAZ) vorweisen zu können.

Für uns bedeutet das natürlich nur Ärger und Zeitverlust. Es kann vorkommen, dass wir das Hotel mit unserem Stellplatz zwar schon um siebzehn Uhr sichten, aber erst um neunzehn Uhr erreichen. Aber: Ärger und Zeitverlust sind das eine, Komfort ist das andere. Denn: Während die Chinesen im Stau im besten Fall telefonieren oder SMS-Nachrichten eintippen können, können wir "bislen" oder bei absehbar längeren Staus auch mal eine Mahlzeit zubereiten oder sogar duschen (Ist mir bis jetzt einmal gelungen, ohne dass ich ein Hupkonzert ausgelöst habe).

In den Städten gibt es fast mehr Baustellen als Häuser. Es macht den Anschein, als hätten sich hier alle Krane der Welt zu einem Kongress versammelt.

Apropos Kongress: Während man sich im Dorf Seldwyla - liegt in der Schweiz, zwischen Bodensee und Säntis - wegen lumpigen 150 ***Hotelzimmern in den Haaren liegt, bauen die Chinesen an verschiedenen Orten neue, grosszügig dimensionierte Tourismus- und Kongresszentren. So beispielsweise in Xiamen (liegt so etwa in der Mitte zwischen Hongkong und Schanghai am Chinesischen Meer). Es werden dort so cirka 40 Milliarden Dollar investiert (Um das gleiche Bauvolumen auszulösen, müsste man in der Schweiz etwa fünfmal so viel Geld in die Hand nehmen). Gebaut (nicht nur geplant oder ad absurdum diskutiert oder mit fadenscheinigen Argumenten verhindert) werden Hotels verschiedenster Kategorien mit je bis zu 3'000 Hotelbetten, Kongressfaszilitäten en masse jeder Grösse, bis zu Plenarsälen für 10'000 Personen, riesige Parkanlagen, Schwimmbäder, Golfplätze usw.. Der Flughafen ist bereits in Betrieb, und an der Anlegestelle für Kreuzfahrtschiffe wird auch schon gewerkelt.

Es hagelt keine Leserbriefe, und im Gemeinderat wird im besten Fall darüber diskutiert, ob sich die riesige Werbetafel auf dem 102-stöckigen Hochhaus der Hafenbehörde links- oder rechtsherum drehen soll. Dass sie nervend in allen Farben blinkt und noch in dreissig Kilometern Entfernung das Autofahrerauge blendet, interessiert sie nicht und wird schon gar nicht in von städtischen Medien zu Werbezwecken lancierten sogenannten Politdiskussionen zerredet.

Ich habe übrigens den chinesischen Guides die Seldwyla-Geschichte erzählt. Sie haben sie mir nicht geglaubt. "A vely good joke, vely good", haben sie gesagt - und mir dann den Rücken zugekehrt, weil sie überzeugt waren, ich hätte ihnen einen Bälen ... äh Bären aufbinden wollen.

 

© .by Bruno Kleger CH-9000 St.Gallen ¦ bruno@kleger.net ¦ April 2011