Reise nach China
und wieder zurück

April - September
2011

Seite 20


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Der Familien-Roller - und was die Ampel-
farben Rot, Grün und Gelb bedeuten





Vier auf einem Roller: Mutter mit zwei Mädchen und einem Knaben unterwegs
zur Schule




Familienbetrieb unterwegs - Sehr wahrscheinlich eine Putzequippe,
ausgerüstet mit Eimern und Waschutensilien. Bemerkenswert: Er mit
Helm und sie ohne, wobei anzumerken ist, dass sein Plastikhelm bei einer
Kollision im grossen Bogen wegspicken und ihn kaum schützen würde.



Auch so eine chinesische Unsitte: Autos ohne Kennzeichen. Da heisst es
Abstand halten, denn sie sind weder Haftpflicht- noch Kaskoversichert
.

Guangjuan, 12. Juli 2011
Veloland China? Das war einmal. In China sieht man Velos immer weniger
. Viele Chinesen haben auf Roller umgesattelt, genau genommen auf Elektroroller. Diese Zweiräder, die umgerechnet nur etwa 300 Franken kosten und mit Ausnahme des Antriebs praktisch zu hundert Prozent aus Plastik gefertigt werden, rollen fast lautlos über die Strassen, Gehwege und Trottoirs. Für die Fussgänger sind sie deshalb gefährlicher als Autos, von denen es auch immer mehr gibt.*

Eigentlich sind die Roller für eine Person konzipiert. Aber mit etwas handwerklichem Geschick lässt sich problemlos ein Sozius anbauen. Nicht wenigen Familien dient der Roller so als Familien-Van. Vorne in der "Fuessete" steht das Kind - oder wie auf dem Bild rechts - kauert die Grossmutter. Der Vater steuert das Gefährt, und hinten auf dem Sozius sitzt die Angetraute. Natürlich schützt sich niemand mit einem Helm.

Ich habe schon folgende Besatzungen gesehen (aber leider nicht fotografieren können, weil es zu gefährlich wäre, während dem Fahren zu knipsen. Die Chinesen würden es tun!):
- Eltern mit zwei Kindern, also vier Personen auf dem gleichen Gefährt, alle ohne Helm, aber zufrieden lächelnd
- Mann und Frau auf dem Weg zum Gemüsemarkt, den Roller beladen mit mindestens hundert Kilo Gemüse, welches rechts und links, vorne und hinten herunterbaumelte
- Mann, sehr wahrscheinlich ein Spengler, das Gefährt beladen mit einem dicken und schweren Bündel aus mindestens sechs Meter langen Eisenrohren, natürlich weder vorne noch hinten mit roten Tüchern als Gefahrentransport gekennzeichnet
- drei Polizisten, einträchtig hintereinander auf einem Roller sitzend und im schnellen Tempo unterwegs, wahrscheinlich auf der Jagd nach Verkehrssündern.

Fast alle sind beim Fahren am Telefonieren oder SMS-len. Fahrtrichtungsänderungen werden nie angezeigt, und wenn es pressiert - und das ist eigentlich die Regel - fährt man auch auf der linken Seite in Gegenrichtung zum normalen Verkehr (wenn es einen solchen in China überhaupt gibt).

Extrem gefährlich ist es bei Regenwetter. Dann sind nicht mehr Roller, sondern vom Fahrtwind aufgeblasene, flatternde Plastiksäcke unterwegs. Die Fahrer sind eingemummt und bekommen sehr wahrscheinlich vom übrigen Verkehrsgeschehen nicht viel mit - und selbstverständlich sind fast alle unter ihren Plastiksäcken damit beschäftigt, ihrem/ihrer Freund/in per Handy mitzuteilen, dass das Wetter scheusslich sei.

* Unser Guide sagt, dass das grösste Problem bei der zunehmenden Dichte an Autos der Mangel an Parkplätzen sei. So werden in der Stadt Xian beispielsweise täglich etwa 2'500 Autos verkauft, im Schnitt aber trotz Bauboom nur etwa 100-200 Garagenplätze erstellt. Der Kampf um Abstellplätze am Abend ist deshalb enorm gross.

Zuerst muss man aber überhaupt einmal am Abstellplatz ankommen. Unser Guide in Xian bezeichnet den chinesischen Autoverkehr als "harmonisches Chaos" oder noch besser als "chaotische Harmonie". Das liegt nicht nur daran, dass es in China verhältnismässig viele Neufahrer gibt, sondern auch daran, dass jeder Chinese in jeder Lücke eine Chance sieht, die es auszufüllen gilt. Man überholt links und rechts, fährt Schlange - und wenn es möglich wäre, unten durch oder über die anderen Autos zu fahren, sagt unser Guide, würden es alle tun. Ampelfarben werden grundsätzlich nicht beachtet. "In Deutschland sind die Farben Rot, Gelb und Grün definitiv, in Italien alternativ, in China hingegen nur dekorativ - wie übrigens auch die Zebrastreifen", sagt unser Guide. Es kann also vorkommen, dass man ein veritables Hupkonzert hinter sich auslöst, wenn man bei Rot hält. Und wenn man einem Fussgänger auf dem Zebrastreifen freundlich winkend den Vortritt überlässt, dann setzt man ihn einer sehr grossen Gefahr aus, weil von hinten beidseitig forsche Fahrer überholen und den Fussgänger zermalmen würden, hätte er sich auf mein Handzeichen verlassen. In China ist man deshalb gut beraten, sich den einheimischen "Verkehrsregeln" anzupassen: Blochen, was das Auto hergibt, alles wegdrängen, was dir in die Quere kommt, hupen, wenn du einen Fussgänger wegscheuchen musst - und jede Lücke, die man sichtet, sofort ausfüllen, denn es könnte ja ein anderer hineinfahren.

 

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Links: Diese Dame ist überzeugt, dass sie aus dieser lässigen Sitzstellung bei einer Kollision besser abspringen kann. Im übrigen ist auch sie
am SMS-len. Rechts: Handwerker unterwegs auf Montage. Mit ihren quer geladenen Brettern erreichen sie problemlos die Breite eines
Lastwagens.