Reise nach China
und wieder zurück

April - September
2011

Seite 24


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Es boomt im Reich der Mitte!
Bis es irgendwann "bummst"?



Wohnungsangebote in Beijing (oben und unten). m2 kann noch jeder
lesen, das Zeichen in der zweiten Zeile vor m2 heisst Yüan.






Wohnsilos in Handan, einer Stadt mit rund 8,5 Mio. Einwohnern,
gelegen etwa 400 Kilometer westlich von Beijing. Während zwei
Kaiserdynastien war Handan Hauptstadt des Reichs der Mitte.

Eine Wohnung mit 100m2 Wohnfläche inkl. Küche und Nasszelle kostet hier
etwa 150'000 CHF. Das Phänomen "Schattenwurf" ist in Handan unbekannt
und irrelevant, da die Sonne wegen des immensen Dunstes gewissermassen
nur als Vollmond wahrgenommern werden kann ... tagsüber und auch bei
schönem Wetter. Das Problem "Schattenwurf" eliminiert man hier mit Dunst,
Smog und schlechtem Wetter.

Beijing, 23. Juli 2011
Die Chinesen bauen, was der Beton hergibt. Es dünkt einem, wenn man so durchs Land fährt, als sei unter den Städten* ein Wettbewerb im Gange, wer in kürzester Zeit am meisten Hochhäuser in die weiten Felder setzen kann.

Überall entstehen neue Wohn- und Geschäftsviertel, bestehend aus zwanzig bis manchmal dreissigstöckigen Türmen, die jeweils so dicht aneinanderstehen, dass sich die sogenannten Schattenwürfe (die beispielsweise in europäischen Metropolen heftigste Diskussionen auslösen und sogar manche nach chinesischen Massstäben Mini-Kleinst-Projekte verhindern) vervielfachen, d.h. sich zu unglaublich dunklen und kalten Schattengebilden potenzieren und jegliches Leben im Keime ersticken.

Die Architektur der Wohnsilos ist monströs bis scheusslich, jene der Geschäftshäuser manchmal überraschend und interessant, meistens jedoch eher effekthaschend und blöffend. Die Bauqualität ist, aus der Nähe begutachtet, miserabel bis katastrophal. Wenn es uns schon wundert, wer und was alles diese Türme beziehen und bewohnen soll, beschäftigt uns noch mehr die Frage, in welchem baulichen Zustand diese Häuser in zehn bis zwanzig Jahren sein werden
. Denn: Während sich die obersten Stockwerke noch im Embrionalstadium befinden, zeigen sich unten bei den fertig gebauten Etagen bereits die ersten Alterungsschäden wie wegfallende Kacheln, zerbröselnde Treppenstufen und ähnliche Zerfallserscheinungen. Aber uns geht das alles ja gar nichts an ... und so wie wir die Chinesen kennen, werden sie diese kleinen Probleme dann, wenn sie wirklich akut werden, schon lösen.

Ebenfalls diskussionswürdig ist die finanzielle Seite des Bauwahnsinns. Zur Zeit sehen wir in den Schaufenstern der Häusermakler kleinerer Städte (bis 5 Mio. Einwohner) Angebote zu rund 4000-5000 Yüan pro Quadratmeter Wohnfläche (Nettopreis; ohne Küchen- und Nasszelleneinrichtung, das kommt noch dazu). Bei durschschnittlich 70-90m2 Fläche brutto - Schweizer Wohnungen mit 4 Zimmern sind rund doppelt so gross - kostet somit eine Wohnung ausgebaut etwa 700-800'000 Yüan (etwa 90-100'000 CHF). In Grossstädten wie Beijing oder Shanghai sind die Preise viel höher, im Schnitt etwa fünf Mal (siehe oberstes Bilder). In Beijing muss man heute für eine Wohnung mit 63,5m2 (!) in der 14. Etage eines 30-stöckigen Wohnhauses mit insgesamt 180 Wohnungen, erstellt 1999, schon 200-250'000 CHF
hinblättern. Von Frau Cao (unsere Reiseleiterin bei früheren Reisen) weiss ich, dass diese Wohnungen im Jahre 2000 nur etwa 30-40'000 CHF gekostet haben. Die Preissteigerung bei grösseren Wohnungen (100-120m2) ist noch orbitanter, und sie machen jeden reich, ja superreich, der vor einigen Jahren nicht nur eine, sondern gleich mehrere Wohnungen auf Pump gekauft hat.

Wer je schon im St.Galler Casino war, weiss, dass die Chinesen gerne spielen, ja zocken. Am liebsten mit echtem Geld, obwohl das in China verboten ist. Aber was heisst das schon. Gespielt, oder besser gesagt spekuliert, wird mit Karten, Spielsteinen, Ernteerträgen ... und auch mit Wohnungen. Die Vermutung, dass derzeit viele Wohnungen auf Pump gekauft werden, in der Erwartung, sie später mit einem grossen Gewinn wieder verkaufen zu können, ist deshalb nicht abwegig.

Die Gefahr ist sehr gross, dass China irgendwann in der Zukunft - Finanzfachleute sagen es schon für 2013-2015 voraus - ein ähnliches - oder ein noch grösseres - Desaster erlebt wie die USA, Irland oder Spanien. Die negativen Auswirkungen wären immens, nicht etwa unmittelbar für uns Europäer, sondern vor allem für Chinas Sparer und für Chinas Volkswirtschaft ... und in der Folge für das Schuldnerland USA (die stehen mit zig-tausend Milliarden Dollar bei den Chinesen in der Kreide). Und wir hätten dann ein weiteres, fast unlösbares finanzielles Problem, das sich auf die gesamte Weltwirtschaft negativ auswirken würde.


* siehe auch Seite 19: "Grosse und kleine Dörfer, kleine und
grosse Städte
"

 

© .by Bruno Kleger CH-9000 St.Gallen ¦ bruno@kleger.net ¦ April 2011