Reise nach China
und wieder zurück

April - September
2011

Seite 28


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China im Rückspiegel


Diese Anordnung wurde von mir nur selten befolgt




Einfrau-Betrieb der Melonenbranche (wie nebenan beschrieben). Bei uns
wäre diese Frau wohl Kundin beim Sozialamt. In China gibt es eine solche
Behörde nicht. Jeder muss sich selber helfen - typisch für eine Gesellschaft
kommunistisch-chinesischer Prägung.




Mein chinesisches Autokennzeichen



Mauer der eidgenössischen Botschaft in Kashgar



Wohin geht die Reise? Meistens verstanden wir nur "Bahnhof".







Bauen, solange es Beton gibt. Der Bauboom wird auch in China irgendwann
einmal in einem Desaster enden. (oben in Chengdu, unten in Juolang)



Mongolei, 6. August 2011
Gestern haben wir China verlassen und sind in die Mongolei eingefahren. Insgesamt waren wir 52 Tage im Reich der Mitte (Zähle ich alle meine Chinareisen zusammen, dann habe ich schon mehr als ein halbes Jahr meines Lebens in China verbracht.) Wir haben auf unserer Reise vom Westen, mit dem Abstecher südwärts über die Region Amdo nach Sichuan, und dann wieder in nördlicher Richtung nach Beijing genau 8'226km auf chinesischen Strassen zurückgelegt (von insgesamt 16'374km ab St.Gallen).

Wir besuchten über ein Dutzend Millionenstädte sowie viele kleine und grosse Dörfer (10'000 - 500'000 Einwohner). Über sechzig Mal haben wir chinesisch getafelt, einige Male in einfachsten Garküchen, oft in typischen Quartierrestaurants und ausnahmsweise auch in Esslokalen, die man bei uns als Gourmettempel bezeichnen würde.

Unsere Stellplätze befanden sich fast immer vor **-***-Hotels mit eher geringem Komfort, meistens aber zentral gelegen, so dass man für die Stadtbesichtigungen keine langen Wege gehen musste. Zwei Nächte verbrachten wir in der Wüste Takla Makan, in Beijing liessen wir uns acht Nächte im klimatisierten Hotelzimmer verwöhnen, weil man in der chinesischen Metropole nur dann einen Parkplatz bekommt, wenn man auch ein Hotelzimmer bucht, und in der Inneren Mongolei campten wir zwei Mal auf dem freien Feld.

Mein Fazit: China hat mich einmal mehr begeistert. Weniger der Staat oder die Bürokratie*. Auch nicht die wahnsinnige Bauerei oder der schonungslose Umgang mit den Ressourcen. Auch nicht der chaotische Verkehr**, der, wenn er weiter in diesem Tempo zunimmt, bald einmal nicht mehr wird stattfinden können. Auch nicht die Rotzerei oder die miserablen öffentlichen Toiletten, die fast so schlimm sind wie jene in St.Gallen im Klosterbezirk. Undsoweiter usw. ... es gäbe noch einiges aufzuzählen.

Angetan bin ich von den Menschen, zu mindest von der Mehrzahl. Von der Art und Weise, wie sie das Leben meistern, wie sie mit schwierigsten Situationen umgehen, wie sie optimistisch, so macht es jedenfalls den Anschein, zupacken, arbeiten wollen, jede Chance, die sich ihnen bietet, und ist sie noch so klein, packen. Alle sind emsig am werkeln, und wenn sie keine Arbeit haben, dann suchen sie sich welche. Oder sie machen sich selbständig, beispielsweise dadurch, dass sie für 30 Jüan eine Honigmelone kaufen, sie in 60 Teile zerschneiden, und diese Schnitten dann, aufgespiesst auf Holzstäbchen, die alle zusammen auch noch etwa 10 Yüan kosten, an Bushaltestellen für je 2 Yüan verkaufen: Der Verdienst, sofern sie alle Schnitten verkaufen, beträgt nach Adam Riese 80 Yüan. Das reicht für vier Essen mit Getränk und zwei Übernachtung im Billigst-Gasthaus.

Im übrigen ist es wie bei uns: Chinesen hinter dem Steuerrad sind rücksichtslos, egoistisch, nur auf ihren Vortritt bedacht ... aber der gleiche Mann, sitzt er am Nebentisch im Restaurant, grüsst uns mit einem freundlichen "Ni hau", will, sofern er ein wenig Englisch kann, wissen, woher wir kommen, und ob uns sein Land gefalle. Alle, vor allem die Frauen, schauen gwundrig auf unsere Camper und freuen sich riesig, wenn wir sie auf eine Besichtigung einladen, wobei sie von der Kocheinrichtung, der Dusche und dem WC am meisten beeindruckt sind.

Niemand hier kennt das Land Ruishi (Schweiz), aus dem ich herkomme, aber alle kennen das weisse Kreuz im roten Feld, weil es auf allen chinesischen Spitälern und Apotheken prangt. Übrigens ist auch Deutschland den wenigsten ein Begriff, hingegen wenn man VW- oder Mercedesland sagt, dann kann man hie und da ein "Aha" vernehmen.


* Stichwort Staat und Bürokratie
Am letzten Tag, in Erenhot bei der Ausreise in die Mongolei, habe ich persönlich die staatliche Willkür und die menschen-unwürdige Bürokratie hautnah erleben können. Auf der Liste der Fahrzeuge unserer Reisegruppe, die von der uns betreuenden chinesischen Reiseagentur für die Ein- und Ausreise ausgestellt worden war, waren plötzlich statt zehn nur noch neun Camper aufgeführt. Einer fehlte ... und zwar ausgerechnet meiner.

Wie sollen nun die chinesischen Zöllner, die in dieser Beziehung peinlichst genau arbeiten, die Autonummer, die Nummern von Motor und Fahrgestell, die Zahl der gefahrenen Kilometer, die Farbe des Autos und den Namen des Besitzers überprüfen, wenn sie gar keine Angaben haben? In der Praxis bedeutete dies, dass ich am Schluss alleine im Zollhof stand, wie wenn ich und mein Auto gar nicht existieren würden. Weil ich aber den anderen Zollbenützern trotzdem im Wege stand, wurde ich in eine etwa einen Kilometer und sich ausserhalb des Zollhofs befindlichen "Autoabsteige" für sechs Stunden deponiert. Meinen Reisepass, der bereits ausgestempelt war (und ich damit also schon ausgereist war, weil die Personenkontrolle immer vor der Fahrzeugüberprüfung stattfindet), hatten sie mir vorsichtshalber abgenommen, denn ich hätte ja türmen können (wohin, bleibt mir allerdings ein Rätsel). Ich muss zugeben, dass es mir ohne Pass schon etwas mulmig war, ich hätte keinen Bissen runtergebracht. Ich kann jetzt besser nachvollziehen, wie man sich fühlt, wenn man der Bürokratie hilflos ausgeliefert ist.

Fünf Minuten nach (!) Schliessung des Zollhofs, als alle Feierabend machen wollten, liessen sie mich gnädigerweise laufen bzw. fahren. Dem chinesischen Oberzöllner, dessen Chauffeur mir um 18.05 Uhr mitteilte, dass ich fahren könne - und der die insgesamt neunstündige Schikane sehr wahrscheinlich angeordnet hatte - sagte ich beim Abschied: "Today, China has lost a good friend. I never come back to your country. Free Tibet. Viva Wei Wei." Dann habe ich noch einen richtig kräftigen Mutterfluch in Schweizerdeutsch angehängt, was jedoch den Oberzöllner sehr wahrscheinlich nicht gross beeindruckt haben dürfte.

Ich bin dann mutterseelenallein durch das Gewirr des Zollhofs gewieselt, vorbei an den immer bestens informierten Wächtern und Soldaten der Roten Armee, die genau wussten, dass da noch ein Langnase durchgelassen werden wollte. Den wahren Grund kannten sie sicher nicht, die meisten dachten wohl, ich sei der Fahrer irgendeiner VIP, die hinten in meinem Camper ein Schläfchen machte. Mit einem freundlichen "Ni Hau" öffneten sie Rolltore oder hoben Schranken und winkten wir zum Abschied zu. Sie sind halt doch nett, die Chinesen ... zu mindest diejenigen, die dem einfachen Volk angehören, wie man so schön sagt!

An der Personenkontrollbarriere stand dann glücklicherweise ein Vertreter unseres chinesischen Reisebüros, mir mit dem roten Reisepass in der Hand zuwinkend. Er erklärte mir kurz den Weg durch das weitere Zoll-Irrenhaus sowie das Niemandsland zwischen China und der Mongolei ... und gab mir die beruhigende Auskunft, dass meine Reisegruppe am mongolischen Zoll auf mich warten täte. Ich glaubte ihm fast kein Wort, fuhr aber trotzdem weiter ... und wurde von meinen Reisebegleitern im Zollhof der Mongolei freudig begrüsst.

** Stichwort Verkehr
Eigentlich liebe ich die Art und Weise, wie die Chinesen "verkehren", ob als Fussgänger oder Velofahrer, als Roller-, Rikscha-, Auto-, Lastwagen-, Car- oder Busfahrer. Die chinesische Fahrweise entspricht meinem Naturell mehr als die europäische. In China gelten zwar fast die gleichen Verkehrsregeln wie bei uns, aber sie werden ganz anders interpretiert, nämlich viel freier und phantasievoller.

Eigentlich ist alles erlaubt, wenn es niemanden echt gefährdet. Beispielsweise kann man problemlos in der falschen Richtung durch eine Einbahnstrasse fahren, wenn kein Gegenverkehr in Sicht ist. Rot an der Kreuzung gilt nur dann, wenn diejenigen, welche Grün haben, dies auch wirklich verlangen. Den Ausdruck "Geisterfahrer" kennt man in China nicht; man weicht solchen einfach aus und denkt sich, da hat wieder mal einer die Ausfahrt mit der Einfahrt verwechselt oder da nimmt ein besonders Schlauer eine Abkürzung. Die Abrechnung kommt erst bei der Mautstelle, wo ihm buchstäblich die Rechnung vorgelegt wird (wenn er nicht vorher einen "Ausweg" gefunden hat.).

Der Schnellere ist in China immer der Geschwindere, also im Vorteil: Jenes Fahrzeug, das einen Hauch mehr Vorsprung hat, hat Vorrang und Vortritt ... vor allem dann, wenn es auch grösser ist und stärker und älter, d.h. verbeulter. Ganz allgemein gilt: Bus kommt vor Lastwagen, der wiederum vor dem Offroader, und dieser vor dem gewöhnlichen PW usw. usw. Am Schluss rangieren die Fussgänger, die sogar vom Zebrastreifen straflos verscheucht werden können bzw. dürfen. Die Verkehrspolizisten drücken selbst bei diesem Vergehen alle Augen zu. Sogar ich, der ich ja als besonders rücksichtsvoller Fahrer gelte, habe einmal fast einen Polizisten über den Haufen gefahren, weil der mitten in der Kreuzung den Verkehr überwachte. Seine gesetzlichen Augen hatte er glücklicherweise geschlossen.

Rechts und unten: Einige fast wahllos zusammengestellte fotografische Eindrücke der über siebenwöchigen Fahrt durch China, chinesisch Zhong guo (Mitte Reich) genannt.

Stichwort Gesundheitswesen
Laut Auskunft unseres Guides ist das chinesische Gesundheitsweisen schwer krank. Beim Arzt oder im Spital wird man erst dann behandelt, wenn man die voraussichtlichen Kosten bevorschusst. Wer also an einer akuten Blinddarmentzündung leidet, ist gut beraten, in die Notfallstation auch so etwa rund 100'000 Yüan mitzunehmen. Denn: Ohne Geld keine Operation. Auch der Zahnarzt bohrt erst dann, wenn die voraussichtlichen Kosten an der Kasse (!) in bar hinterlegt worden sind.




Im Wüstencamp

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Idylle in der Takla Makan



Autoreparaturwerkstätte auf dem Land - Ersatzteile sind hier für (fast) jeden Bedarf vorrätig, das Aushandeln des Preises dauert jedoch
meistens einige Stunden, da die Besitzer dieser Ersatzteilcenters genau wissen, dass man auf diese Schraube mit der bestimmten Grösse
oder jenen Keilriemen mit der genauen Länge unbedingt angewiesen ist.


Chemische Fabriken in Luongjiang, in Sichtweite der chinesischen Mauer, verpesten die Aussicht undurchdringlich.

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Oelförderung in der Takla Makan (links); Wohnsilo mit Quartiermarkt in Wedu (rechts)

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"Hängendes Kloster" bei Datong (Innere Mongolei); Buddha-Statuten in Ludong

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Abschied von einer Bauernfamilie in Luozhen/ Gansu (links); Mein Garmin zeigt die Passhöhe zwischen Langmusi und Shaozuosheng mit 4'017 Metern über Meer an - der höchste Punkt auf unserer Reise

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Warntafel im Grasland zwischen den Povinzen Gansu und Sichuan (links); Dieses Foto (rechts) habe ich nicht in einer Apotheke gemacht, sondern im
McDonald in Beijing.

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Mönche auf dem Weg zum Mittagsgebet in Labrang



Oase bei Turpan



Wüste Takla Makan



Gruppenbild vor der dem westlichen Ende der chineischen Mauer


Die Stadt Erenhot an der chinesisch-mongolischen Grenze ist besonders stolz darauf, dass sie vor rund zehn Millionen Jahren von Sauriern bewohnt wurde, dementsprechend enthusiastisch ist der Empfang.


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Links: Restaurant "Unter der Fussgängerbrücke" - Geschützt vor Sonne und Regen hat sich eine Familie, wohl ohne Bewilligung einer Behörde,
unter der Fussgängerüberführung ein Restaurant eingerichtet. Rechts ist die Küche, links der Restaurantbereich.
Rechtes Bild: Stromverteiler in einem Wohnquartier in Beijing.


© .by Bruno Kleger CH-9000 St.Gallen ¦ bruno@kleger.net ¦ April 2011