Reise nach China
und wieder zurück

April - September
2011

Seite 29


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Camping on Train - Fahrt mit dem Güterzug
durch die Wüste Gobi



Wir campen vor dem Bahnhof in der Wüste



Auch die LKWs warten darauf, dass sie verladen werden - allerdings
manchmal einige Tage




Schild des Bahnhofbuffets von Zamyn-Üüd,
dem mongolischen
Verladebahnhof an der chinesischen Grenze





Unser mongolischer Guide

Ulan Baatar, 10. August 2011
Die Wüste Gobi ist im südlichen Teil nur mit allrad-betriebenen Offroadern sicher befahrbar. Regenfälle und Sandstürme können die Pisten und Routen so stark verändern, dass für einige Tage ein Durchkommen nicht mehr möglich ist. Deshalb benützen wir für die Fahrt von der chinesisch-mongolischen Grenze bei Erenhot nach der rund 800km entfernten mongolischen Hauptstadt Ulaan Baatar (ausgesprochen: Ulan Batr; übersetzt: Grosser roter Führer) die Eisenbahn.

Schon das Verladen auf die vierachsigen Güterwagen ist ein Erlebnis. Bei den einen Wagons fehlen die Überfahrkippen (und müssen provisorisch durch dicke Eisenbleche ersetzt werden), bei anderen sind die Holzbohlen rissig und wacklig, bei den nächsten müssen erst einmal lange Eisennägel herausgezogen oder ganz eingenagelt werden, damit sie nicht die Pneus beschädigen.

Auch die Auffahrrampe ist steil und etwas ramponiert (!). Aber nach rund einer Stunde sind dann endlich alle Fahrzeuge verladen und bereit, von der Verlademannschaft festgezurrt zu werden. Das geschieht nicht etwa mit Bändern oder Seilen, sondern mit zehn Millimeter dickem Betoneisendraht, der um die je zwei Ab
schlepphaken vorne und hinten gewickelt und dann zur festen Vertäung zusammengedreht wird (siehe Bilder unten). Wer nicht vier Abschlepphaken vorweisen kann (wie im Bild), dem werden die Stahldrähte durch die Räder gewickelt. Zur weiteren Sicherung werden vor, neben und hinter den Autorädern zwei Holzklötze eingenagelt, damit das Auto wirklich absolut nicht mehr in der Lage ist, Vorwärts-, Rückwärts oder gar Seitensprünge (!) zu wagen bzw. machen.

Erst wenn der Vorarbeiter der Festzurr-Gruppe alles kontrolliert hat und überzeugt ist, dass nun nach menschlichem Ermessen kein Fahrzeug während der Zugfahrt vom Güterwagen fallen kann, wird die Rangierlok herbeigepfiffen.

Wir wurden vorgewarnt. Weil die Güterwagen auf der transsibirischen und transmongolischen Zugstrecke keine stossdämpfenden Puffer haben, sondern mit automatisch arbeitenden Kupplungen ausgerüstet sind, die nur sehr wenig Spiel haben und die Wagen praktisch nahtlos miteinander verbinden, werden Stösse ungehemmt und ungedämmt auf die Ladung übertragen, d.h. in unserem Fall auf die Fahrzeuge und auf die darin sitzenden Passagiere. Ein starker Ruck und ein metallischer Knall, der durch alle Güterwagen schiesst, verrät uns, dass die Lok angehängt hat. Der nächste Ruck-Zuck folgt, und wir fahren los zum Rangiergeleise. Es fühlt sich an wie die Fahrt auf einem schlecht gewarteten Karussell. Es ruckt und zuckt, es kreischt und knallt, und wir werden kräftig durchgeschüttelt.

Besonders heimtückisch ist der Umstand, dass wir nie wissen, wann der Zug wieder anfährt, wie lange er dahinzuckelt, und wann er wieder stoppt. Man ist gut beraten, nicht freihändig im Camper herumzustehen oder gar zu gehen. Ich koche mit grösster Vorsicht, aber nur dann, wenn der Zug hält, wenn er warten muss, bis die Strecke frei ist (Die ganze Strecke der Trans Mongolian Railway ist nur einspurig; etwa alle fünfzig Kilometer steht ein einsames Bahnhöfchen am Geleise, und zwischendurch ermöglichen Ausweichgeleise ein gefahrloses Kreuzen der Züge).

Da wir an einen Güterzug angehängt sind, halten wir oft und warten, bis uns der Personenzug Beijing-Ulan Baatar überholt oder uns einer in Nord-Süd-Richtung kreuzt. Unser Zug wird von zwei Dieselloks gezogen. Das Gesamtgewicht des 76 Vierachs-Güterwagen langen Zuges dürfte sich zwischen 20'000 und 30'000 Tonnen bewegen. In den engen Kurven, wenn der Zug aus rund 1'700 Meter über Meer nach Ulan Baatar (ca. 800müM) hinunterschlängelt (oder wie ein Fluss mäandert) sind uns - wir sind am Ende angehängt - die beiden Loks manchmal näher als die Mitte des Zuges.

Nach zwei Tagen zuckelnder Fahrt fahren wir gegen Abend in Ulaan Baatar ein und werden dort im Nebenbahnhof auf einem Nebengeleise, praktisch im Niemandsland, für eine weitere Nacht "parkiert". Erst am nächsten Vormittag um zehn Uhr rückt die Ablademannschaft an und befreit unsere Autos von den stählernen Fesseln.

Die Fahrt, und das ganze Drumherum, war ein echtes Erlebnis, das ich jedem nur empfehlen kann!




Vor dem Verladen fegt noch ein Sandsturm über die Rampen

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Einer fährt mit seinem Camper prompt in ein Loch und muss mit Wagenhebern wieder befreit werden



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Links: Mit 10mm-Betoneisendraht und Holzblöcken werden die Autos festgezurrt



Unser Güterzug in voller Länge - schwarze Rauchfahnen zeigen, dass die Dieselloks bei Steigungen grosse Mühe haben, die über siebzig vierachsigen
Güterwagen zu schleppen. In den Steigungen keucht der Zug mit etwa 20 Stundenkilometern bergan, wenns bergab geht, zeigt mein
Garmin über 70kmh Geschwindigkeit an. Es ruckelt und zuckelt dann beängstigend, und ich beobachte andauernd, ob die Betondrähte
noch gespannt sind.

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Einsames Bahnhofgebäude in der Gobi - Sonnenuntergang vor einer Rangieranlage. Wir parken hier etwa sechs Stunden, damit die Schnellzüge
von Ulaan Baatar nach Beijing freie Fahrt haben

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Am frühen Morgen in der nördlichen Gobi, die hier grüner ist als im Süden. Unsere sechs Güterwagen bilden den Schluss des langen Zuges.



Einsam ist es an vielen Orten in der Mongolei. Das Land ist etwa fünfmal so gross wie Deutschland und hat nur 3,7 Mio Einwohner, wovon fast die
Hälfte in der Hauptstadt Ulaan Baatar wohnen.

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Ich habe meinen Camper wohnlich eingerichtet und geniesse freie Sicht nach allen Seiten.



Das ist nicht etwa ein anderer Zug, sondern unserer. In engen Schlaufen sind uns die beiden Dieselloks näher als die Wagen in der Mitte der langen
Schlange.

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Einfahrt in die Vororte von Ulaan Baatar. Etwa die Hälfte der Einwohner lebt in den typischen runden Jurten - im Sommer und im Winter


Unser Camp südlich von Ulaan Baatar. Unsere Fahrzeuge sind vorne links zu erkennen, im Hintergrund die mongolische
Hauptstadt.


© .by Bruno Kleger CH-9000 St.Gallen ¦ bruno@kleger.net ¦ April 2011