Reise nach China
und wieder zurück

April - September
2011

Seite 32


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Sibirien: Von Pilzen, Beeren und Bären


Ziemlich vorherrschend in Sibieren - die Birke



Auf dem Baikalsee



Der Fluss Angara



Alte Kirche am Wegrand



Pilze (das hier sind sehr wahrscheinlich Birkenpilze) werden
am Strassenrand verkauft und sind billig, ein voller Kübel
kostet 5-6 Euro.



Irkutsk, 20. August 2011
Wir sind für zwei Tage in Irkutsk an der Angara
. Rund 70km südlicher, dort wo die Angara aus dem Baikalsee nach Norden fliesst, im Dorf Listwijanka, haben wir uns während vier Tagen von den Strapazen der Reise durch die Mongolei und Burjatien - Gebiet um Ulan Ude, dort, wo sich in diesen Tagen Putin mit dem nordkoreanischen Präsidenten Kim Jong Il trifft - erholt. Die nötigsten Lebensmittel einkaufen, Wäsche waschen, den gröbsten Staub wegwischen, Wasser auftanken, Oelstand kontrollieren, Luftfilter ersetzen ... wir haben Zeit für all jene Dinge, die uns und den Camper wieder für die Weiterfahrt in Schuss bringen.

Sibirien ist gross, riesengross, und nach Moskau ist es noch weit. Mein Garmin zeigt mir an, dass wir bis zur russischen Hauptstadt noch rund 5'500km abspulen müssen. Der Zeitunterschied zu Moskau beträgt immer noch fünf Stunden (und zu Mitteleuropa 7).

Die Wälder und Ebenen, die wir durchqueren, sind gewaltig, schier endlos. Die Gegend ist nur dünn besiedelt, und der Verkehr auf der Haupverkehrsachse durch Sibirien ist nicht sehr gross. Der Transsibirischen Eisenbahn sei gedankt. Immer noch wird ein Grossteil des Güterverkehrs von Westen nach Wladiwostok am Pazifik sowie nach Süden über die Mongolei nach China - und umgekehrt - per Bahn abgewickelt. Hier an der Baikal-Amur-Linie herrscht auf der doppelspurigen und elektrifizierten Strecke (in der Mongolei gibt es nur eine Spur und die Strecke ist nicht elektrifiziert) reger Verkehr. Pro Stunde rattern an unserem Standplatz nach beiden Richtungen je drei bis vier rund siebzig vierachsige Güterwagen umfassende Riesenschlangen vorbei. Sie fahren in gemächlichem Tempo, aber praktisch ohne Halt. Jeder Zug schafft so gegen sechshundert bis manchmal tausend Kilometer pro Tag.

Wir wären mit unseren Campern eigentlich für mehrere Tage autark. Die Batterien werden beim Fahren oder über Solarpannels aufgeladen, der Wasservorrat reicht, wenn wir uns nicht duschen (!) für mindestens zehn Tage, und die Abfälle entsorgen wir, indem wir ihn an geeigneten Stellen vergraben (oder, siehe weiter unten, ihn anderweitig entsorgen lassen). Tankstellen gibt es genügend, und der Dieselpreis ist so tief, dass Westeuropäer nur neidisch werden können (ca. 80 Rappen je Liter). Der tägliche Einkauf beschränkt sich auf frisches Brot sowie Obst und Gemüse. Brot ist in Russland auch in kleinsten Siedlungen erhältlich, und Obst und Gemüse werden alle paar Kilometer von Mamuschkas an einfachsten Ständen am Strassenrand angeboten. Das Gemüse aus ihren eigenen Gärten ist immer frisch, frischer geht fast nicht.

In den waldigen Streckenabschnitten werden Beeren und Pilze verkauft. Wenn es hier regnet, dann schiessen die Grib (russ.) buchstäblich wie Pilze aus dem Boden. Zur Zeit liegen vor allem Stein- und Birkenpilze sowie Eierschwämme in den Kübeln oder Körben. Aber auch weniger bekannte Sorten könnten gekauft werden, wenn wir sicher wären, dass sie bekömmlich sind. Dass wir die Chance packen und auch selber mal zum Pilzlen ausschwärmen, liegt auf der Hand. Da ich nur Eierschwämme sicher bestimmen kann, aber keine finde, komme ich mit leeren Händen zurück. Andere haben mehr Glück und finden Steinpilze ... oder solche, die es sein könnten. Unser russischer Guide ist Pilzkenner und bestimmt, welche problemlos gegessen werden können, und welche man besser wieder im Wald aussetzen soll. "Ich bin ziemlich sicher, dass auch diese Pilze gegessen werden könnten", meint er. Das "ziemlich" sowie das konjunktivistische "können" machen mich ziemlich sicher, dass ich zum Abendessen kein Pilzgericht auf die Menükarte setzen werde.

Herrlich schmecken dagegen die Beeren (Brombeeren, Blaubeeren und noch andere, von denen ich nicht weiss, wie sie heissen, aber sicher bin, dass sie nicht giftig sind). Mit der in meinem Kühlschrank vorrätigen joghurt-quarkänlichen Milchcrème, garniert mit etwas Zucker, geniesse ich ein herrlich schmeckendes Beeren-Dessert, um das mich sogar die Kunden bei Netts beneiden täten.

Apropos Beeren. Es gibt hier auch Bären. Man sieht sie zwar nicht echt und lebendig. Aber hie und da trifft man auf ihre Spuren, vor allem dort, wo die LKW-Fahrer und vorbeireisenden Camper ihren Müll entsorgen. Anscheinend ist der Müll bei Bären gefragt, denn die Parkplätze sehen relativ aufgeräumt aus. Auch wir lassen darum den Müll hier gerne liegen und fahren zügig wieder los, bevor uns die hungrigen Bären mit einem Besuch überraschen ... und wir sie bei der Müllentsorgung stören würden (oder täten?).

So, jetzt ist es mir tatsächlich gelungen, euch einen Bären aufzubinden. Hier ist es wieder spät geworden ... Zeit für einen Schlummertrunk. Gute Nacht!



Die vorherrschende Landschaft in Ostsibirien

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Haus und kleine Kapelle im für Ostsibirien typischen Baustil aus Holz



© .by Bruno Kleger CH-9000 St.Gallen ¦ bruno@kleger.net ¦ April 2011