Reise nach China
und wieder zurück

April - September
2011

Seite 33


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Essen kalt, Bier warm ... und die Köchin 
feiert zum 102. Mal die Oktoberrevolution


Wenn wir privat eingeladen sind, oder wie hier bebildert, auf einem
von unserem örtlichen Guide gescharterten Schiff, ist das Essen immer
vorzüglich.




Wir sind auf dem Baikalsee auf Fahrt mit der MS Sacharija ...



... und sind in der Kajüt Kompanija ...



... zum Fischessen eingeladen. Es gibt frisch geräucherten Fisch ...



... der vorzüglich schmeckt.



Und zum Dessert kauen wir Pinienkerne, sebst gegrübelt aus den frisch
gepflückten harzklebrigen Zapfen. Sollen gesund sein. Na, warten wirs mal ab ...
wenn ich in den nächsten Tagen nicht krank werde, hats geholfen.



Novosibirsk, 25. August 2011
In russischen Restaurants sei es noch wie früher, sagt unser Guide. Wie damals nach der Oktoberrevolution. Man könne alles bestellen, aber man wisse nie, was dann wirklich serviert werde. "Das ist eben dialektischer Sozialismus. Und der exisitiert noch heute - trotz Perestroika und Glasnost. Was man bestellt, das bekommt man auch, aber halt eben etwas anders, als man es sich vorstellt ... und bestellt hat. Man müsse nur daran glauben. Lasst Euch überraschen, auch und speziell in Restaurants. Und im übrigen ist alles nur Gewöhnungssache!", sagt der Guide. Und der muss es ja wissen, denn er stammt aus Weissrussland. Dort gehe es noch dialektischer zu und her als im wahren Russland.

Und wie sieht das in der Praxis aus? Wir bestellen in einem ****-Hotelrestaurant (nach hiesiger Definition) eine Vorspeise, eine Suppe, einen Hauptgang, Getränke sowie einen Dessert mit Kaffee.

Die Teller mit der Vorspeise werden uns von sehr gelangweilt drein schauenden Mädchen in lilafarbenen Kostümen praktisch vor die Nase geworfen. Im Teller haben sich die anwesenden Salatblätter wie zum Schlaf niedergelegt, die Wursträdchen putzig hochgerollt, die Gurkenscheiben entsaftet, die Mayonnaise umgefärbt von gelb in ein bräunliches Abendrot ... und das dargebotene Brot hat die gleiche Farbe wie das Fell eines Graubären.

Das Bier ist lauwarm (kaltes Bier muss man vier Stunden im voraus bestellen). Der Wein, angeblich aus Merlottrauben, wurde in Georgien gesaftet und gekeltert, hat eine bräunliche Farbe und schmeckt zuckersüss wie Himbeermarmelade. Die Flasche ist entkorkt und muss deshalb bezahlt ... aber nicht unbedingt auch getrunken werden. Schade um die vierhundert Rubel.

Der Hauptgang ist kalt ... und wird auf Verlangen im Mikrowellenofen aufgewärmt. Das Fleisch ist zäh wie ... Leder, hätte ich beinahe geschrieben, aber das wäre dann doch zu klischeehaft ... halt so, wie eben zähes Fleisch ist, nämlich zäh. Die Zutaten sind nicht zu identifizieren, möglicherweise Kartoffeln. Es könnten aber auch kartoffelähnliche Bananen sein oder holländische Teigwaren. Oder gar diese berühmten Königsberger Klopse, bayrischen Knödeln nicht unähnlich, die im 19. Jahrhundert von Katharina der Grossen leider auch in die russische Küche eingeführt wurden.

Das Dessert ist temperaturmässig durchmischt d.h. die Omelette ist lauwarm und die wenigen Beeren, fünf an der Zahl, sind noch tiefgefroren. Der Sauerrahm ist so, wie er heisst, nämlich echt sauer. Und alles wird von der Serviererin so aufgetischt - mal von links, mal von rechts, mal von hinten, mal von oben, und wenn es physikalisch möglich wäre, würde sie es auch von unten tun - , als ob es tatsächlich gut schmecken täte (oder würde?).

Das Bier (Wir bestellten und bezahlten ausdrücklich Draft Beer, also vom Fass) wird hinter der Theke aus Flaschen in Gläser geleert, Schaum ist nur virtuell vorhanden. Kaffee wird am Tisch mit Löspulver "gebrüht". Der Zucker ist gelblich, wahrscheinlich jodhaltig, gut gegen Kropfbildung. Und die Milch, sie steht auch schon da, aber leider seit dem frühen Nachmittag, ist flockig. Einer sagt, schon fast Joghurt. Nach meiner Einschätzung aber weit mehr. Also Frischkäse, sagt ein anderer.

Wir marschieren gefrustet in die Küche und fragen nach der Köchin ... und erfahren, dass die heute frei gemacht und alles bereits gestern gekocht habe. Sie begehe zum 105. Mal den Ausbruch der Oktoberrevolution. Wir sind echt sauer ... wie die Milch auf dem Tisch. Die Köchen kann glücklich sein, dass sie nicht anwesend ist. Und wir ebenfalls, denn es hätte sein können, dass wir der Köchen mehr als nur die Meinung gesagt hätten, und das hätte uns leicht sehr teuer zu stehen kommen können.

Und es folgt eine Schlussfolgerung, wie sie kommen muss: Wir vergleichen mit China. Dort war es, wie es sein müsste: Das warme Essen war warm, das heisse heiss ... und das Bier kalt. Wir haben in China eigentlich überall vorzüglich gegessen, selbst in der dunkelsten Spelunke. Perfekt war überall auch die Bedienung ... und die Preise ebenfalls. Was ist der Grund für diese riesengrossen Unterschiede?


"Gorbatschow ist schuld", sagt unser Guide. "Oder Lenin. Vielleicht auch der Wodka. Niemand weiss das so genau." Die Russen hätten kein Qualitätsbewusstsein, seien sehr schnell zufrieden und halt nicht so ehrgeizig wie die Chinesen, so seine Begründung.

Aber etwas habe ich noch nachzutragen, zur Ehrenrettung der Köchinnen. Die servierten Suppen - und ich bin ein wahrer Suppen-Fan - waren immer hervorragend. Sei es Borschtsch (mit Randen, die dem Borschtsch die typische rote Farbe verleihen) oder sei es Soljanka mjasnaja, also Gemüsesuppe mit Fleisch. Sie wurden immer heiss serviert, in schmucken kleinen Suppentöpfchen. Und wenn dazu noch Piroggen, mit Fleisch und Gemüse gefülltes Gebäck, aufgetragen wurde, dann durfte man hoch zufrieden sein ... und die übrigen Menügänge getrost vergessen. Ein Salut den russischen Köchinnen! Nach der Suppe und den Piroggen hätte ich sie jeweils alle umarmen können.


 

© .by Bruno Kleger CH-9000 St.Gallen ¦ bruno@kleger.net ¦ April 2011