Reise nach China
und wieder zurück

April - September
2011

Seite 34


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Snakomyi poschiloi


Das Stadtwappen von Irkutsk, der Hauptstadt Ost-Sibiriens. Irkutsk feiert
dieses Jahr den 350. Geburtstag.



In Irkutsk stehen noch viele Holzhäuser aus dem 19. Jahrhundert.



Irkutsk kann aber auch mit Prunkbauten aufwarten ... für Museen, das Theater, die
Tonhalle sowie die Häuser der Verwaltung.





Viele Holzhäuser verfallen, nur wenige wurden oder werden restauriert.


Novosibirsk, 25. August 2011
Ich habe viele Romane von russischen Schriftstellern gelesen. Praktisch alle von Dostoijewskij, die gewichtigsten von Tolstoij, die zwei Gulag-Romane von Jewgenija Ginsburg, Geschichten aus Kyrgyzstan von Tschingis Aitmatow, den authentischen Tatsachenbericht aus dem 2. Weltkrieg von Anatolij Kusnezow, Erzählungen von Puschkin und Gogol, fast alles von Solschenyzin (seine Romane und seine Anthologie der Gulagbiographien), den ersten Bericht über die wahren Verhältnisse unter Stalin von Viktor Kravchenko, Romane von Wladimir Maximow, dann natürlich den nobelpreisgewürdigten Schinken Dr. Pasternak von Boris Schiwago ... und neben vielen weiteren auch Warlam Schalamows Erzählungen aus den Gulag-Lagern an der Kolyma Die Künstler der Schaufel.

Mir sind deshalb viele Städtenamen wie Kazan, Irkutsk, Omsk, Novosibirsk, Krasnojarsk, Magadan oder Ufa, Flussnamen wie Ob, Jennisseji, Kolyma oder Angara sowie Gebietsnamen wie Kamtschatka, Tatarstan, Karelija, Magnitogorskaija oder Archangelskaija nicht unbekannt. Vor allem in den Gulag-Berichten von Solschenyzin und Ginsburg werden sie häufig erwähnt, weil sich viele der erzählten Geschichten in Gefängnissen oder Lagern in, an oder in der Nähe dieser Regionen, Städte und Flüsse abspielten.

Es ist spannend zu vergleichen, wie man sich diese Gegenden nach den Beschreibungen der Schriftsteller vorgestellt hat, und wie sie nun tatsächlich aussehen. Wobei ich weiss, dass ich sie nur entlang der sibirischen Hauptverkehrsachse kennenlernen und nur in der Spätsommerzeit erleben kann. Alles grünt zur Zeit, und das Wetter ist gut. Und man kann die extremen Lebensumstände (golod i cholod; Hunger und Kälte), wie sie die Seki (politische Häftlinge) während der tagelangen Transporte in den Güterwagen, in den Etappen-gefängnissen, auf den langen Fussmärschen und in den Lagern ertragen mussten, sowieso nur virtuell oder gar nicht nachempfinden.

Die Weite ist gewaltig ... und die Distanzen sind es auch. Fast unmenschlich. Und wenn ich mir vorstelle, es ist Winter, und ein eisiger Wind stürmt über die Ebenen, dann wird alles noch unmenschlicher, ja geradezu lebensfeindlich. Die Menschen, die hier in den kleinen und einsam gelegenen Siedlungen ausharren, müssen einiges aushalten können. Ich bewundere sie, und wenn ich sehe, unter welch ärmlichen Umständen sie leben, dann wird der Respekt noch grösser. Und ich werde an die charakterlichen Eigenschaften der Haupt- und Nebenfiguren erinnert, die Dostoijewskij in seinen Romanen handeln lässt, wie Duldsamkeit, die Art, Leid zu ertragen und wegzustecken sowie unterwürfig das Schicksal zu erleiden, das einem zuteil wird. Ich fasse beim einsamen Fahren über die weiten Ebenen und Wälder den Entschluss, nach meiner Heimkehr alle Romane der oben aufgezählten russischen Schriftsteller noch einmal zu lesen ... damit ich vieles besser verstehen kann, was ich jetzt sehe und erlebe.

Unser Guide erzählt uns auch von den sibirischen Problemen, zumindest von einigen wenigen. Die Abwanderung sei gross, die Wirtschaft, speziell auch die Landwirtschaft, entwickle sich nicht wunschgemäss ... und die Arbeitslosigkeit und der Alkoholismus seien gewaltige Probleme. Die Männer hätten hier eine durchschnittliche Lebenserwartung von nur 58 Jahren.

Die stärksten Menschen hier, die, welche mit den Lebensumständen am besten zurecht kämen, seien die älteren Frauen, die man hier liebe- und respektvoll Mamotschkas nennt. Viel Lebenskraft holen sie sich in der Religion, die hier, sagt uns der Guide, auch in der dunkelsten Zeit des Kommunismus den Menschen jene Seelenstärke gab, die Voraussetzung zum Überleben gewesen sei. Eine Ecke in den meisten Stuben der Bauernkaten sei auch zu Stalins Zeiten immer mit Ikonen und einem Altärchen samt Bibel geschmückt gewesen, und seit wieder alle Gotteshäuser "in Betrieb" sei
en, wie sich unser Guide ausdrückt, sei die Welt für die älteren Frauen wieder in Ordnung.

Ich würde gerne länger hier bleiben, damit ich mehr von den Lebensumständen erfahren könnte ... auch wenn es nur einen Sommer lang weilte. Aber wir müssen los. Von Irkutsk nach Moskau werden wir 21 Tage unterwegs sein, mit eintägigen Pausen in Kransojarsk, Novosibirsk, Omsk, Miass, Kazan und Nishnij Nowgorod. Zwischendurch werden wir in Petropawlowsk, weil das am transsibirischen Weg liegt, noch kurz durch Kasachstan fahren - am Zoll also noch einmal eine Aus-, Ein-, Aus- und Einreise erdulden müssen. Wir werden die Flüsse Angara, Jennisseij, Ob und Irtysch überqueren, um nur die ganz grossen zu nennen, ... und auch den Ural durchfahren, den man, habe ich gehört, gar nicht als Gebirge, höchstens als Hügelkette erfahren werde. Ich bin gespannt auf die weitere weite Reise durch Sibirien.

PS Den "Verschreiber" im ersten Abschnitt möge man mir verzeihen. Ich finde ihn so ulkig - oder eben schaberna(c)kig - , dass ich ihn so lasse.


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Beispiele einiger schöner Fassaden, die in den letzten Jahren restauriert wurden. Aber leider verfallen die meisten alten Häuser und müssen
schmucklosen Bauten weichen.

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Selbstverständlich gibt es auch Plattenbauten, ohne die gehts nicht in einer ehemals sowjetischen Stadt. Rechts: Das Irkusker Kunstmuseum.

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Zur Zeit werden auch Sakralbauten - in der Sowjetzeit dienten sie unterschiedlichsten Zwecken z.B. als Lagerhäuser, oder man liess sie absichtlich
verfallen - aufwendig renoviert (links). Rechts: In vielen Irkutsker Quartieren versinken die Häuser allmählich im Boden. Dieses Haus hat bereits
das Parterre "verloren". Das Gebiet in diesem Teil Ostsibiriens ist tektonisch sehr aktiv.


Schilderwald
In Irkutsk habe ich mich in Schilder "verliebt". Mir gefallen zwar nicht alle, aber
ich freue mich jedes Mal, wenn ich die Schrift darauf entziffern kann. Macht mal mit,
und versucht ebenfalls, die kyrillische Schrift zu lesen. Gerne hätte ich übrigens eines
der Schilder "geklaut". Aber hier in Irkutsk ist das unmöglich, denn die Ochrana, eine
etwas obskure Polizeitruppe, bewacht alles ... sogar Mobilhomes ausländischer Touristen.

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Auf dem ersten Schild, ein Strassenschild, wird die Übersetzung in lateinischer Schrift gleich mitgeliefert. Der Wegweiser rechts macht etwas mehr Mühe:
Pamjatnik Aleksandry III/ ul. Karla Marksa (650M) - Denkmal (Zar) Alexander III/ Karl Marx-Strasse (650m)

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Links: Strassenschild Bulvar Gagarina (Gagarin Boulevard). Rechts: Ein sogenanntes Häuschen der Harmonie, wie wir es nennen: Toilet

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Links: Bulwar Pesterewskaja. Links: Restauran Archamskii Jaboruk.

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Links: Schild einer Amtsstelle des Irkutsker Oblast Prokuratura r. Irkutska. Links: Sollte inzwischen eigentlich jeder lesen können: Apteka (Apotheke)

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Links: Sport - Turijam - Ribalka (Sport - Touristik - Fischerei). Rechts: Firmenschild der Ostsibirischen Industrie- und Handelskammer

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Und ohne die beiden geht immer noch nichts. Links: Schild der wichtigsten Strasse in Irkutsk: Uliza Lenina (Lenin-Strasse). Rechts: Schild der
zweitwichtigsten Strasse Uliza Karla Marksa (Karl Marx-Strasse).


© .by Bruno Kleger CH-9000 St.Gallen ¦ bruno@kleger.net ¦ April 2011