Reise nach China
und wieder zurück

April - September
2011

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Welches ist die grässlichste Stadt Sibiriens?


Sieht wirklich gepflegt aus, der Bahnhof von Krasnoijarsk. Allerdings wurde
er, dem Baustil nach zu urteilen, nicht um 1900 erbaut, sondern erst
2004 eröffnet. Alle Einwohner seien sehr stolz auf dieses moderne Gebäude,
so die Stadtführerin.



Oben und unten: Die berühmten Kunstbäume blühen das ganze Jahr, auch
im Winter, wenn es schneit. Und nachts brennen härzige, bunte Lichtlein.
Der Bürgermeister, und nicht nur er, hat echt Freude an diesen
Kunstwerken.







Ebenso grässlich wie die Kunstbäume sind die Strassenlampen mit
dem Blumenschmuck. Es gibt sie zu Tausenden.


Novosibirsk, 27. August 2011
Unser Guide Valérij meint, dass Nischnidinsk die grässlichste Stadt in Sibirien ist. Nischnidinsk, gelegen etwa in der Mitte zwischen Irkutsk und Krasnoijarsk, hat nur etwa fünftausend Einwohner. Nach meiner Auffassung ist diese Siedlung darum für ein Ranking eigentlich zu unbedeutend, und sie liegt erst noch absolut jenseits von Eden. In meinen Ranking ist eindeutig Krasnoijarsk die grässlichste Stadt Sibiriens.

Irina, eine Frau mittleren Alters, die uns durch Krasnoijarsk führte, schwärmte zwar in himmlischen Tönen von ihrer Heimatstadt. Aber sie ist hier geboren, vom sozialistischen Realismus immer noch durchtränkt und kennt ausser Passau, wo sie an der dortigen Universität zwei Monate als Gastdozentin lehren durfte, keine andere Stadt so richtig.

Man muss wissen, dass Krasnoijarsk bis vor fünfzehn Jahren eine geschlossene Stadt war. Nicht etwa wie jene in Beijing. Sie war gesperrt für alle - für Ausländer wie für gewöhnliche Russen. Sie konnte nur mit einer Spezialbewilligung betreten werden. Der Grund: In Krasnojarsk und in sich in der Nähe befindlichen namenlosen Akademikersiedlungen war - und ist noch? - die Atom- und Raketenindustrie angesiedelt. Hier lebten und arbeiteten die klügsten Gehirne Russlands und entwickelten die tödlichsten Waffen. Irrsinn pur. Viele arbeiteten und "lebten" nicht freiwillig hier, sie waren hierher verbannt worden.

Seit 1995 ist Krasnoijarsk wieder eine offene Stadt, dank Glasnost und Perestroika. Aber viele Menschen - und dazu gehört nach meiner Einschätzung auch der Bürgermeister - leben immer noch in der Vergangenheit. Nur das passiert, was angeordnet wird, selbst der Frühling, der Sommer, der Herbst und der Winter. Der sozialistische Realismus wird noch in vollen Zügen gelebt. Das bedeutet in der Realität, dass das vorhanden ist und das geschieht, an das man glaubt - und nicht das, was tatsächlich da steht oder sich tatsächlich ereignet.

In der Praxis bedeutet dies beispielsweise, dass Irina das ägyptische Museum von Krasnoijarsk als das schönste Gebäude in der nördlichen Hemisphäre anpreist, obwohl es tatsächlich in seiner Hässlichkeit nicht zu überbieten ist (Mein Fotoapparat weigerte sich hartnäckig, das Gebäude abzulichten, weshalb ich den Tatbeweis hier nicht erbringen kann). Auch der inszenierte künstliche Blumenschmuck oder die elektrifizierten Plastikbäume sind nur zu verstehen, wenn man die Messlatte des sozialistischen Realismus anlegt.

Die offiziellen Gebäude sind in der Mehrheit nach dem Stil der sowjetischen Monumentalarchitektur gestaltet, mit wuchtigem, angsteinflössendem Säulenportal, monumenatalem Treppenaufgang, grauer Fassade und Fenstern wie grosse Schiessscharten, als ob sich die Beamten dahinter verschanzen müssten. Die Wohnhäuser sind Plattenbauten, wie sie im Ostblock üblich sind. Und die Quartiere in den Vorstädten ähneln den sibirischen Dörfern mit den einfachen Bauernkaten, nur sind hier die kleinen, eingeschossigen und nicht unterkellerten Holzhäuser viel näher aneinander geschachtelt. Die Quartierwege sind noch breiig-sumpfig-schlammiger als auf dem Land, und die Autoraser, die es hier auch gibt, nehmen bei ihren Tauchfahrten durch die braunen Pfützen weder Rücksicht auf ihre Radaufhängung noch auf die Fussgänger.

Ein weiterer Irrsinn: Von Lautsprechern, die an allen Strassenlampen montiert sind, plärrt ununterbrochen kitschige Schlagermusik in die Gegend. Die Frage an Irina, warum das so sei, erklärte sie damit, dass über dieses Medium die Einwohner früher über alles Wissenswerte informiert worden seien (Im Klartext von mir: früher sozialistische Propaganda auf die Menschen eingedrescht worden sei). Heute, dank Glasnost und Perestroika, seien die Behörden eben fortschrittlicher, was sich darin manifestiere, das heitere westlich geprägte Schlagermusik aus den Lautsprechern klinge (dröhne).

Die einzige wirkliche Sehenswürdigkeit von Krasnoijarsk ist der Yenissej, einer der längsten Flüsse Sibiriens. Ruhig und gelassen fliesst er durch die Stadt gen Norden. Einige grosse Flüsse wie die Angara wird er noch auf seinem langen Weg ins arktische Meer in sein Bett aufnehmen. Und einmal wird er noch von Menschenhand gebändigt: Etwa dreissig Kilometer unterhalb von Krasnojarsk steht einer der grössten Staudämme der Welt, für die Russen so bedeutend, dass er das Motiv auf dem Zehnrubelschein sein darf - zusammen mit einem Kirchtürmlein, dass einsam und verlassen auf einem Hügel über Krasjoijarsk trohnt, von wo aus man eine prächtige Aussicht auf die grässlichste Stadt Sibiriens hat.

PS Heute stand eine Stadtbesichtigung von Novosibirsk auf dem Programm. Ich muss mein Ranking korrigieren: Diese Stadt ist nicht nur grösser als Krasnoijarsk, sondern übertrifft sie auch bezüglich Grässlichkeit. Auch hier ist der Fluss, der die Stadt durchfliesst, das Prunkstück. Er heisst Ob und ist an der Mündung der wasserreichste Fluss Asiens. Diesmal hat der von einem Reiseteilnehmer oft konsultuierte Reiseführer recht. Da ist zu lesen, dass Novosibirsk trotz seiner Grösse (1,5 Mio. Einwohner), trotz Oper (mit dem grössten Saal Asiens und mit 500m2 der grössten Bühne weltweit), Theatern, Universität, Zirkus und der dreissig Kilometer entfernten Akademikerstadt Akademgorodok "bemerkenswert wenig zu bieten hat - eigentlich überhaupt nichts".

2.PS Übermorgen fahren wir nach Omsk. Muss ich wohl auch dann mein Ranking wieder korrigieren?

3. PS Ja, Omsk ist noch grässlicher, grässlicher geht nicht.

4. Doch. Miass schlägt bezüglich Grässlichkeit alle
Rekorde (siehe Seite 38)




Oben und unten: Krasnoijarsk im Morgennebel, der in Wirklichkeit Smog ist (Aussicht vom Hügel mit dem Kirchlein).



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Links: Blick auf eines der Vorstadtquartiere. Rechts: Dieses Denkmal an den berühmten "Unbekannten Besoffenen" steht auf dem schönsten Platz (Originalton von Irina) Krasnoijarsks. Schön, wenn es nur ironisch gemeint wäre!

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Ein Laternenpfahl mit Lautsprecher, aus dem dauernd kitschige Schlagermusik plärrt. Und wo steht dieser Laternenpfahl wohl? Natürlich, an der Hauptgeschäftsstrasse von Krasnoijarsk namens Uliza Lenina (Lenin-Strasse). Im Hintergrund ist das wahrscheinlich schönste Haus der Stadt ersichtlich, Tatsache!

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Links: Treppe zum Foyer des Opernhauses. Der Architekt hat es tatsächlich geschafft, vor die Treppe noch eine schmucke Säule zu setzen.
Rechts: Fuhrwerken ist die Einfahrt in die Uliza Lenina nicht gestattet.

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Dass Glasnost und Perestroika auch in Krasnoijarsk Eingang gefunden haben, ist an den Reklameschildern an Hausfassaden und in Parkanlagen am besten ersichtlich.

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Im Stadtpark trifft man immer wieder auf liebliche Skulpturen, die eigentlich nur im Wege stehen. Sie stammen übrigens nicht aus sowjetischer Zeit, sondern sind erst vor wenigen Jahren zur Verschönerung der Stadt hinzelebriert worden. Und das rechte Foto zeigt den Eingang zum Kino Dom. Die revolutionäre Dame mit dem knackigen Busen schwingt Hammer und Sichel und zerquetscht mit dem rechten Knie die Insignien des untergegangenen Zarenreiches. Dieses Monumentalwerk eines heute unbekannten sowjetischen Bildhauers, der sehr wahrscheinlich in einem Gulag-Lager umkam, verschönert den Kinoeingang übrigens seit bald siebzig Jahren.

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Diese Trambahn hat auch schon einige Kilometer abgerattert. Aber was solls, die Menschen in Krasnoijarsk nehmen den Alltag wie er halt kommt, mit
einer bewunderswerten Gelassenheit.

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Noch zwei Ansichten der Bushäuschen in der Krasnoijasker Oblast (Region): Besonders bestechend ist die elegante Form und die dezente Farbgebung. Die pittoreske Felsenmalerei im Innern macht auch noch so lange Wartezeiten zum Erlebnis - und wer dringende Geschäfte zu erledigen hat, findet in immissionsgerechter Entfernung immer das passende Häuschen (bei manchen Haltestellen hat es zwei Häuschen, eines für Männer, das andere für Frauen, oft mal mit und mal ohne Türen, weil irgend ein schlauer Genosse die Stahltüren bei einem Altmetallhändler in Rubel umgetauscht hat. Das Nachsehen haben die Benützer, die dann halt eine ungeschützte Aussicht auf die transsibirische Hauptverkehrsachse haben - auch während des härtesten Wintersturms.



Das letzte Foto von Krasnoijarsk zeigt das Doppel-Toilettenhäuschen auf dem
Schauspielhaus-Platz. Die Gebrauchsanweisung in der Mitte ist zwar
etwas lang, aber man kann beide Häuschen problemlos benützen, denn
sie sind sauberer als die berühmte öffentliche Toilette im St.Galler Klosterbezirk.
Garantiert, ich habe alle drei getestet!

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Links: Der Samir-Prospekt - breite Boulevards nennt man hier so - von Novosibirsk ist 30km lang, schnurgerade und auf keiner Meile der weltrekord-
verdächtigen Geraden so prächtig wie auf diesem Foto.
Rechts: Da wird nicht etwa Motoröl verkauft oder altes Fritieröl gesammelt, von wegen, die Frau verkauft Kwas (vergorenes Milchgetränk, schmeckt wie es heisst). Heisst es nicht so treffend, das Auge esse mit?

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Links: Bahnhofplatz von Novosibirsk mit dem ersten Hotel am Platz. Und rechts das futuristisch gestaltete Schauspielhaus - der Treppenaufgang ist mit Reklametafeln und dem örtlichen Bienenhonigmarkt, der noch nicht geöffnet hat, versperrt.

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Links: Die Oper von Novosibirsk - grösster Saal Asiens, grösste Bühne der Welt - und grösste Reklametafel (für die Oper Spartak).
Rechts: Haupteingang zur grössten Bibliothek Sibiriens. Zur Zeit wegen Umbau des Treppenaufgangs leider geschlossen.


© .by Bruno Kleger CH-9000 St.Gallen ¦ bruno@kleger.net ¦ April 2011