Reise nach China
und wieder zurück

April - September
2011

Seite 38


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Im Land der Sibirken


Miass/Tscheljabinsk, 3. September 2011
Wir sind am 3. September bei Miass an den östlichen Ausläufern des Ural angekommen. Das weite "Schlafende Land" (Sibirien) ist hinter uns. Der zentrale und westliche Teil waren weniger eindrücklich als der östliche.

Ab etwa Krasnoijarsk ist das Land flach, und die Landschaft wird eintöniger: Über Tausende Kilometer nur Birkenwald, Sumpfwiese, Sumpf, dann wieder Sumpfwiese und Birkenwald. Alle dreissig bis fünfzig Kilometer ein Dorf oder eine kleine Stadt, umgeben von Ackerland. Und etwa alle sechshundert bis tausend Kilometer eine Grossstadt mit stinkenden Fabriken, rauchenden Kraftwerken und verfallenden Industrieanlagen.

Nördlich der sibirischen Hauptverkehrsachse ist das Land sumpfig und weitgehend unbewohnt, über drei bis viertausend Kilometer, bis zum Eismeer. Siedlungen gibt es nur entlang der grossen Flüsse Angara, Yenisseij, Ob und Irtisch. Wenn da nicht die ergiebigen Gas- und Ölfelder wären im Norden, die unter grössten Schwierigkeiten ebenfalls versorgt werden müssen, wäre das nördliche Sibirien weitgehend ohne Verkehrsverbindungen und Siedlungen.

Wenn man die Birken in den grossen Wäldern zählen müsste, käme man nicht in die Millionen, sondern in die Milliarden. Die Birke ist Sibiriens Baum - und müsste deshalb eigentlich Sibirke heissen.

Die Hügel des Ural sind wieder mit Nadelgehölz bewaldet. Es tut dem Auge wohl. Kiefern, Föhren, Tannen und Pinien beherrschen das Bild. Dazwischen glänzen kleine, blaue Weiher und Seen. Fernab der Städte sind sie sauber und klar, und wenn das Wasser nicht zu kalt (12-15°) wäre, könnte man mit den Fischen um die Wette schwimmen.

Am 5. September verlassen wir Asien. Ich bin gespannt auf den europäischen Teil Russlands, auf die Städte mit so klingenden Namen wie Ufa, Kazan, Nischni Novgorod oder Suzdal. Und dann natürlich Moskau.



Verstrahlt, verseucht und vergessen
Die sibirische Stadt X. hat nicht viele Sehenswürdigkeiten. Aber die wenigen, welche sie
vorzuweisen hat, stellte uns eine sehr gut deutsch sprechende Stadtführerin, nennen
wir sie Tatjana, mit grosser Begeisterung vor. Aber bei allem Enthusiasmus liess sie immer
wieder durchblicken, dass bei sibirischen Städten andere Masstäbe angesetzt werden
müssten als bei mitteleuropäischen Metropolen. Sibirien sei immer noch Pionierland, meinte
sie. Alles sei hier schwieriger, extremer, radikaler. Ein direkter Vergleich mit europäischen
Städten sei deshalb nicht möglich, nicht tunlich und nicht angebracht, ja nicht gerecht.

Tatjana hat übrigens auch schon einige Tage in Bern und St.Gallen verbracht. Das
seien wunderschöne Städte, hat sie gemeint. Fast zu lieblich, um wahr zu sein.
Darum lebe sie trotz aller Widrigkeiten halt doch lieber in X. Die Auseinandersetzungen
mit den täglichen Problemen, die extremen klimatischen Verhältnisse, die schwierigen
wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen würde sie, lebte sie in Westeuropa, vermissen.
Das müssten wir ihr ganz einfach glauben, fügte sie noch hinzu, weil wir nicht gerade
überzeugt dreinschauten, als sie uns das sagte.

Man muss dabei wissen, dass Tatjana nicht in X. geboren ist. Sie hat mir auf eine
entsprechende Frage verraten, dass sie aus einem abgelegenen Dorf in der Republik Altay
stamme und wegen sehr guter Schulnoten an der Universität in X. studieren durfte.
Und die Stadt X. sei ihr als junges Mädchen wie das Paradies vorgekommen.

Hätte ich einige Tage zuvor nicht in einer Irkutsker Buchhandlung einen russischen Atlas gekauft,
und hätte ich diesen nicht an einem regnerischen Nachmittag etwas eingehender durchgeblättert,
hätte ich nicht gewusst, dass es eine Republik Altay gibt. Und ich hätte demzufolge
Tatjana auch nicht weiter nach ihrer Heimat befragen können. (Russland ist unterteilt in zahlreiche
sogenannte Oblast, vergleichbar mit Provinzen in Frankreich. Sie heissen z.B. Oblast Novosibirskaija,
Oblast Archangelskaija usw. Daneben gibt es aber auch selbständigere Verwaltungseinheiten, die
sich Republiken nennen dürfen wie z.B. die Republiken Tatarstan (Hauptstadt Kazan), Bashqortostan
(Hauptstadt Ufa, in der Schweiz auch bekannt wegen des Flugzeugunglücks in Überlingen am
Bodensee) oder eben Altay. Bezüglich Selbständigkeit sind die Republiken etwa vergleichbar mit
Kantonen in der Schweiz.)

Tatjana war richtig erfreut, dass ich den Namen kannte und wusste, dass Altay südlich der Oblasts
Novosibriskaija und Krasnoijarskaija, westlich der Mongolei und nördlich von Kasachstan liegt. Und ich
wusste auch, dass Altay ein karges Land ist, nur eine einzige Durchgangsstrasse, nämlich den
kaum befahrenen Schotterweg von der Mongolei nach Novosibirsk hat, keine nennenswerte Infrastruktur
oder gar Industrie aufweist, und dass sehr wahrscheinlich auch in Russland praktisch niemand weiss,
dass die Hauptstadt Gorno Altaysk heisst.

Und es brach dann wie ein Schwall aus ihr heraus. Tatjana erzählte von ihrer Heimat, ihrer Familie,
und von den schwierigen Bedingungen, die in dieser Region herrschten. "Da lebt man nicht, da
überlebt man nur", erklärte sie. "Meine Eltern hausen in einer kleinen Kate und überstehen die kalten
Winter nur dank meiner finanziellen Unterstützung. Und beide sind schwer krank, leiden wie die
meisten Menschen im südlichen Altay an Krebs, und sie werden alle schon vor dem sechzigsten
Altersjahr sterben."

Schuld an dieser schrecklichen Lage, sagt sie voller Entrüstung, seien die Atombombentests im
nördlichen Kasachstan, östlich der Stadt Semipalatinsk.
In den fünfziger und sechziger Jahren
des letzten Jahrhunderts seien in dieser Gegend die sowjetischen Atomwaffen gezündet worden.
"Sogar mit Wasserstoffbomben haben sie sich versündigt, die Politiker und sogenannten
Wissenschaftler." Die wenigen älteren Menschen, die noch lebten, hätten das grelle Licht
am Horizont gesehen und ein beängstigendes Donnergrollen gehört. "Und niemand sagte ihnen,
was da geschieht. Und schon gar nichts haben sie von der Strahlung erfahren, vom radioaktiv
verseuchten Staub, der vom Wind aus der kasachischen Steppe in die hügelige und bergige
Gegend von Altay getragen wurde."

Das Gebiet östlich der kasachischen Stadt Semipalatinsk und im südlichen Altay sei für Jahrhunderte
verstrahlt und verseucht. Als dann die oberirdischen Versuche aufgegeben worden seien, hätten sie
ihr Teufelshandwerk einfach unterirdisch, gewissermassen näher zur Hölle, fortgeführt. Und sehr
wahrscheinlich, offiziell sei nie darüber informiert worden, seien die unterirdischen Atombombentests
in den Bergen von Altay durchgeführt worden. Später habe man die Bomben dann auf der Eismeerinsel
Novaja Semlija gezündet. Aber viel geholfen hätte das den Altayern auch nicht mehr.

"Wären wir Altayer selbstbewusster, stärker und zahlenmässig ein grösseres Volk, würden wir
von der russischen Regierung eine Entschädigung verlangen. Aber wir sind zu wenige, und dann
gibt es ja noch viel mehr Probleme, die das ehemalige Sowjetreich hinterlassen hat", meinte Tatjana
und fügte abschliessend an, dass auch noch so viel Öl- und Gasgeld nicht reichen würde, all
das geschehene Unrecht zu entschädigen.




Miass sehen - und schnell weiterfahren

Ich muss mich korrigieren, wieder einmal. Nicht Krasnoijarsk, nicht Novosibirsk, nicht Omsk, nein, Miass
ist die grässlichste und hässlichste Stadt Sibiriens. Miass liegt bereits im Ural, an den östlichen Ausläufern.
Miass hat nur etwa 150'000 Einwohner, und nur eine Fabrik - die Lastwagenfabrik namens "Ural". Bis 1990
beschäftigte "Ural" rund 30'000 Personen, heute nur noch etwa 1'200. Die ganze Stadt war und ist vom Trust
"Ural" abhängig, und viele Einrichtungen wie Schwimmbad, Krankenkasse, Einkaufsläden, Kindergärten, Spital usw.
wurden und werden vom Trust "Ural" geführt und finanziert. Mit dem Niedergang von "Ural" geht es auch mit
allen anderen Einrichtungen gewissermassen talwärts - und die Stadt Miass steht plötzlich da ohne jede
funktionierende Infrastruktur.

.

Wohnstrasse in Miass (links) und Bushaltestelle (rechts). Dank der Betonplatte muss man nicht im Schlamm stehend
auf den Bus warten.


Und das ist überall zu sehen: Die Bushaltestellen verfallen, die Schwimmbäder sind wegen Wassermangels
geschlossen, in den Spitälern wird nur noch gegen Vorauskassa operiert, im Winter wird mit geklautem Holz
- von Bretterzäunen oder verfallenden Häusern - geheizt, die Supermärkte wurden von Selbstbedienung wieder auf
Bedienung umgestellt (damit weniger geklaut wird), die Tankstellenkassen sind Tag und Nacht von schwer
bewaffneten Sicherheitsleuten bewacht. Und wenn es eindunkelt, werden Türen und Tore verriegelt, die
Bancomaten mit Stahlblechen ummantelt und die Autos in stacheldrahtbewehrten Plätzen abgestellt. In den
Bars wird nur noch Fusel nachgefragt, die Dirnen an den Ausfallstrassen nehmen jede Währung - und
an eine blinkende Ampel lehnend lallt uns ein ein Besoffener "Nastrownije!"
zu.

Der Wodkakonsum in Miass ist überdurchschnittlich hoch. In den Supermärkten sind alle Marken zu kaufen;
vom billigsten Fusel für wenige Cents der Liter
bis zum edlen Gesöff für umgerechnet 30 Euro die Flasche.
An den sogenannten Ural-Läden, die alle Dutzend Kilometer entlang der Strasse durch den Ural mit grossen
Plakaten lärmig um Kunden buhlen, werden auch einfachst konstruierte, blechige Brennereikessel verkauft,
mit denen im Do-it-yourself-Verfahren Schnaps gebrannt werden kann. Die Nachfrage und der Absatz scheinen
gross zu sein, denn die Auswahl ist vielfältig und die Preise sind happig. Ich habe mir so ein Gerät näher angeschaut -
und ich kann mir vorstellen, dass es funktioniert. Aber gekauft habe ich trotzdem keines, denn ich trinke
lieber Bier oder Wein als hochprozentigen Schnaps. Zum Glück haben sie nicht auch noch Do-it-yourself-
Brauereien im Angebot gehabt - eine Bräuereilein hätte ich sehr wahrscheinlich gepostet.

.

Der Ural ist eher hügelig als bergig. Wohltuend fürs Auge und fürs Gemüt nach der eintönigen Landschaft Westsibiriens sind die blauen Weiher und Seen,
und die immergrünen, harzduftenden Nadelwälder.



© .by Bruno Kleger CH-9000 St.Gallen ¦ bruno@kleger.net ¦ April 2011