Reise nach China
und wieder zurück

April - September
2011

Seite 39


> eine Seite weiter
< eine Seite zurück



> Karte Reiseroute (1,2 MB)
...> Karte gross (7 MB)

> zum Portal

Die dritte Hauptstadt Russlands


Die tatarische Flagge (rechts) weht selbstbewusst neben der russischen.



Im Kreml von Kazan steht die russisch-orthodoxe Kirche (links) und die
Moschee (rechts hinter dem weissen Regierungsgebäude) gleichberechtigt
nebeneinander. Beide haben vier Türme, und alle sind auf den Meter gleich hoch.



Die Tataren waren früher ein wildes Reitervolk. Zwischen dem 12. und 17.
Jahrhundert überfielen und zerstörten sie immer wieder die russischen
Städte im Westen. Zar Iwan der Schreckliche sah sich deshalb im 17. Jahrhundert gezwungen, die Hauptstadt der Tataren, Kazan, zu erobern und sie so zu zähmen. Katharina die Grosse, die resolute Zarin deutschen Geblüts, erkor dann Kazan zum wichtigsten kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum im östlichen Teil des
europäischen Russland.

Kazan hat heute rund 1,5 Mio. Einwohner. Einen Vergleich mit anderen russischen
Städten braucht Kazan nicht zu scheuen. Nur Moskau und St.Petersburg boomen
mehr.

Kazan/Tatarstan, 7. September 2011
Kazan, die Hauptstadt der Respublica Tatarstan, ist nach den mehr oder weniger hässlichen sibirischen Grossstädten ein richtiger Aufsteller. Die Stadt, etwa tausend Kilometer westlich des Ural und rund achthundert östlich von Moskau gelegen, pulsiert - überall wird renoviert, restauriert und neu gebaut. Die Stadt ist stolz auf die zweitälteste Universität Russlands und ist Sitz mehrerer technischer Hochschulen (Chemie, Flugzeug-, Raketen- und Fahrzeugbau, Architektur).

Sicher, noch ist an allen Ecken und Enden die sowjetische Vergangenheit zu spüren und zu sehen. Aber ebenso der Wille, die Altlasten aus der siebzig Jahre dauernden Zeit des Leninismus-Kommunismus zu entsorgen. Allerdings wird es noch zwei bis drei Generationen dauern, bis Tatarstan dort sein wird, wo es sein könnte, wenn es nicht gezwungen worden wäre, am grossen leninschen sozialen Experiment teilzunehmen.

Kazan - und Tatarstan - war einmal eine der wohlhabensten Regionen in Europa, denn das Land ist fruchtbar, die Menschen sind fleissig und arbeitsam, und Kazan liegt sehr verkehrsgünstig an der Wolga und an der Hauptverkehrs-achse von Moskau nach Sibirien. Tatarstan ist ein Öl- und Gasland, was natürlich die wirtschaftliche Entwicklung enorm fördert und mit dazu beiträgt, dass sich das Land gegenüber anderen russischen Regionen abhebt.

Auch sozial und politisch sind die Tataren ein interessantes Volk. Die Mehrheit ist konfessionell moslemisch, aber infolge der Eroberung durch die Russen im 17. Jahrhundert spielt auch die russisch-orhodoxe Religion eine wichtige Rolle in Staat und Gesellschaft. Seit Jahrhunderten leben die beiden Konfessionen friedlich nebeneinander. Kazan hat prächtige russisch-orthodoxe Kirchen und die grösste Moschee in Europa - die einen sind in den letzten Jahren aufwendig renoviert worden, und die prächtige Moschee wurde neu erbaut - vollständig finanziert mit Spendengeldern aus der Bevölkerung (und willentlich ohne Gelder arabischer Potentaten, obwohl diese gerne gespendet hätten).

Kazan war in der Zarenzeit der östlichste sogenannte zivilisierte Ort vor dem Ural und Sibirien. Die zur Verbannung verurteilten Russen konnten hier zum letzten Mal in einer Kirche eine Heilige Messe besuchen, bevor sie - es gab damals noch keine transsibirische Eisenbahn - den beschwerlichen und langen Weg nach Omsk (wie Dostoijewski besipielsweise) unter die Füsse nahmen oder, hatten sie genügend Kleingeld, mit der Kutsche hingefahren wurden. Später, in der Stalinzeit, war das weiter östlich gelegene Petropawlowsk der berüchtigte Umsteigeort, wo sich die Gulag-Wege nach Süden (Karaganda und Altay), nach Norden (Archangelsk und Nord-Sibirien) oder nach Osten (Kolyma und Kamtschatka) verzweigten.

(Zum Titel: Die erste Hauptstadt ist Moskau, die zweite St.Petersburg - und um den Titel der dritten streiten sich einige Städte.)
.

.

In der russisch-orthodoxen Kirche (links). Während der sowjetischen Zeit diente die Kirche als Archiv der kommunistischen Partei, weshalb
die Kirche ganz allgemein und die Ikonen im besonderen noch in einem guten Zustand sind. Rechts der Hauptweg im Kazaner Kreml. Der
Stern auf dem Haupttor darf als letztes Relikt aus der Sowjetzeit bleiben, denn die Kazaner Moslems und Christen haben sich verständigt,
dass weder ein Kreuz noch ein Halbmond das richtige Zeichen auf dem gemeinsamen Eingang wäre.


© .by Bruno Kleger CH-9000 St.Gallen ¦ bruno@kleger.net ¦ April 2011