Reise nach China
und wieder zurück

April - September
2011

Seite 40


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Nischni Nowgorod - oder vom Schicksal
einer Stadt unter dem Sowjetregime


Blick vom Nischni Nowgoroder Kreml auf die Wolga, die bereits
hier, noch zweitausend Kilometer von der Mündung entfernt,
eine stattliche Breite besitzt.



Fussgängerstrasse in Nischni Nowgorod



Darauf sind die Nischni Nowgoroder besonders stolz: Die im Grossen
Vaterländischen Krieg berüchtigte sogenannte Stalin-Orgel wurde hier
entwickelt und gebaut.

Nischni Nowgorod, 9. September 2011
Über die sibirischen Städte habe ich ob ihrer Hässlichkeit ziemlich gelästert. Ganz anders präsentieren sich die Städte im europäischen Russland. Im Gegensatz zu Sibirien ist westlich des Urals sehr viel historische Substanz vorhanden, sowohl in den kleineren als auch in den grösseren Städten. Allerdings nur in jenen, die vor etwa 1900 eine politische, wirtschaftliche oder religiöse Bedeutung hatten, und die während dem siebzig Jahre dauernden leninschen sozialen Experiment nicht zu stark unter dem radikalen kommunistischen Vandalismus leiden mussten.

Viele Kirchen wurden in den zwanziger und dreissiger Jahren gesprengt, praktisch alle Klöster aufgelöst, wichtige bauliche Zeugen der Zarenzeit dem Erdboden gleichgemacht sowie Kaufmannshäuser, bürgerliche Villen und Herrschaftssitze zu Spitälern, Wohnhäusern, Schulen und Heimen umfunktioniert. Kaum ein Gebäude ist in den siebzig Jahren des grossen sozialen Experiments renoviert oder umgebaut worden. Die meisten der einst stolzen Bauten mit den prächtigen Fassaden verfallen - noch heute. Perestroijka (Umbau) hat bei der Bausubstanz gerade erst begonnen und dürfte noch Jahrzehnte und sehr hohe finanzielle Mittel in Anspruch nehmen.

Dazu verunstalten viele im kommunistischen Stil erstellte Monumentalbauten die grossen Plätze und die Prospekte (wie hier die Promenaden heissen). In den Vorstädten stehen lange Reihen der für den Ostblock typischen Plattenbauten, und fast in jeder Stadt erinnert am schönsten Ort eine riesige Statue an jenen Mann, der das unsägliche soziale Experiment namens Kommunismus eingeläutet hatte (und ist die wichtigste Strasse nach ihm benannt, die Uliza Lenina).

Man stelle sich vor, wie diese Städte aussähen, hätten sie nicht dieses soziale Experiment durchleiden müssen, hätten die Menschen auch im zwanzigsten Jahrhundert Geld und Zeit gehabt, die Bausubstanz zu erhalten, und die repräsentativen Gebäude nicht nach der kommunistischen Doktrin gestalten müssen.

Zum Glück ist doch einiges erhalten geblieben - oder wurde in den letzten Jahrten aufwendig restauriert. Vor allem unter den kirchlichen Bauten gibt es zahlreiche Bijous, die nicht nur von Touristen, sondern auch wieder von vielen Kirchgängern besucht werden.


Nischni Nowgorod hiess siebzig Jahre lang Gorki, benannt nach dem berühmtesten Sohn der Stadt, dem Schriftsteller Maxim Gorki.

Die Stadt ist und war eine wichtige Waffenschmiede (Panzer, Flugzeuge, Geschütze). Bis 1990 war Gorki deshalb eine "gesperrte Stadt"; gewöhnliche Russen und Ausländer durften die Stadt nur mit Sonderbewilligung der GPU betreten.

Gorki war auch Verbannungsort, so von 1980-1986 auch erzwungenes Wohnort des Physikers und Systemkritikers Andreij Sacharow und seiner Frau Jelena Bonner.

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Oben und unten: Bilder einiger Sakralbauten von Nischni Nowgorod, die in den letzten Jahren aufwendig restauriert wurden.


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Mönch auf dem Weg zum Vespergebet. Ob er wohl auch dafür bittet, dass die alte Bausubstanz von Nischni Nowgorod (rechts) nicht vollständig der
Abrissbirne zum Opfer fällt? (Die Häuser stehen gleich hinter der Fussgängerstrasse, keine hundert Meter entfernt/ siehe Bild oben)




© .by Bruno Kleger CH-9000 St.Gallen ¦ bruno@kleger.net ¦ April 2011