Reise nach China
und wieder zurück

April - September
2011

Seite 43


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Häuschen der Harmonie


Minsk, 16. September 2011
Diese Geschichte habe ich mir als vorletzte vorbehalten. Sie musste etwas reifen. Es ist die Ballade über jenen Ort, den wir unter uns Reiseteilnehmern als "Häuschen der Harmonie" bezeichnet haben, bewusst etwas verklausuliert, damit wir überall und immer die anderen fragen konnten, wo denn hier in der Nähe eine Gelegenheit wäre, um zu ...

Genau, gemeint sind öffentliche Toiletten (wohlverstanden "öffentliche" und nicht solche in Hotels, die in der Regel selbst in China und in der Mongolei nicht zu beanstanden waren). Dieses Thema wurde übrigens in einigen "Leserbriefen" angesprochen, beispielsweise so: "Und wie sind denn so die hygienischen Verhältnisse in ...".

Grundsätzlich ist zu sagen, dass wir in Sachen "Öffentliche Bedürfnisanstalten" so ziemlich alles angetroffen haben, was man sich vorstellen kann ... und manchmal auch mehr.

Sitze bis zum 20. Längengrad
In den osteuropäischen Ländern ist der allgemeine Stand in etwa vergleichbar mit jenem in der Stadt St.Gallen. Eine Beschreibung ist deshalb nicht opportun: Macht einfach einmal den Selbstversuch und besucht das öffentliche WC im Klosterbezirk, so etwa kurz nach zwölf, wenn die ersten Tagesausflügler ihr Geschäft erledigt haben. Wenn ihr Pech habt, wurde das WC kurz vorher gereinigt, und der Test fällt ins Wasser. Das kommt jedoch äusserst selten vor, eigentlich gar nie.

Weiter östlich, etwa ab dem 20. Längengrad, beginnt sich die Situation in den Stätten der Harmonie zu verschlimmern. Die Schüsseln werden seltener. Sogenannte französische Einrichtungen sind hier en vogue und neuester Trend. Man sitzt nicht mehr, man geht in die Hocke.

Aber immerhin ist noch Porzellan im Spiel und eine Spülvorrichtung im Angebot. Aber Vorsicht, sollte sie nämlich funktionieren, spritzt es meistens gewaltig, und man ist gut beraten, sich unbedingt vorher die Hose hochzuziehen, damit man beim Einsetzen der Wasserfontäne blitzartig aus dem Kabäuschen flüchten kann. Es gibt auch händische (wie die Österreicher sagen würden) Spülungen. In diesem Fall nimmt man eine mit Wasser gefüllte Kanne mit und spült halt selber ... und kann sich dabei gleichzeitig auch noch die Hände waschen. Praktischer geht nicht.

Auch festes Schuhwerk wird empfohlen; weniger geeignet sind Sandalen oder Schlaappen, und gar barfuss wagen sich nur Verwegene hinein.

Rollenspiele
WC-Papier ist schon seit vielen Längengraden nicht mehr gratis im Angebot. Man nimmt es einfach selbst mit (wer auf Eleganz setzt, trägt die Rolle unter dem Arm und nicht in der Hand), oder manchmal kann man neben dem Eingang gegen ein bescheidenes Entgelt bei der WC-Dame einige Papierchen käuflich erwerben. Aber auch hier aufgepasst: Unbedingt darauf achten, dass sie nicht schon gebraucht sind!

In Kasachstan und Usbekistan sind die WC-Rollen übrigens innen fest aufgerollt, haben also keine Kartonrolle in der Mitte. Das ist nicht praktisch, wenn man sie an einen Rollenhalter hängen will (der dort aber sowieso unbekannt ist), aber sehr praktisch, wenn man sie unter dem Arm trägt, denn die Rolle bleibt immer schön rund und wird sogar beim heftigsten Drücken während des Geschäftes nicht zu einem Oval verformt. (Rund um die Stätten der Harmonie ist es ganz einfach, Ausländer von Einheimischen zu unterscheiden: Hat einer eine schön rund geformte WC-Rolle unter dem Arm, muss es ein Eingeborener sein mit Papier aus heimischer Produktion, und Europäer erkennt man daran, dass sie oval verbeulte, zerdrückte und etwas vergammelte Rollen herumtragen.)

Die Superschlauen (ich mache es beispielsweise so) präparieren die Papierchen bereits vor dem Eintritt in praktische Portionen. Das ist erstens handlicher, man muss zweitens keine Rolle herumschleppen und sich den Kopf zerbrechen, wie man sie tragen soll, und drittens kann man sie so griffbereit in der Brusttasche des Hemdes verstauen und braucht die Rolle nicht auf den verschmutzten Boden oder auf eine meistens sowieso nicht vorhandene Ablagefläche zu legen. Merke: Rollen, die einmal auf den Boden gefallen sind, sind nicht mehr zu gebrauchen, selbst dann, wenn sie sich nicht ausgerollt haben.

Schlitze und Löcher über einer Sickergrube
"Der Osten ist rot", morsten die ersten chinesischen Satelliten unentwegt auf die Erde nieder. Mehr konnten sie nicht. Auf etwa dem gleichen Stand ist die Technologie der öffentlichen chinesischen Bedürfnisanstalten. Aber auch sie gibt es in verschiedensten Varianten.

Oft trifft man auf die einfache Bodenschlitztechnologie: Etwa einen halben Meter lange und cirka fünfzehn bis zwanzig Zentimeter breite Schlitze sind in einem Abstand von etwa einem Meter in den Boden gefräst. Man stellt sich - oder genauer hockt, was die Asiaten besser als wir beherrschen - über den Schlitz und lässt fahren, was der Erde zurückgegeben werden muss. Aber aufgepasst, oft sind die Schlitze ziemlich verdreckt (auf den Damentoiletten übrigens mehr als bei den Herren, Tatsache!). Und meistens befindet sich unterhalb des Schlitzes nur eine Sickergrube, erriechbar am scharfen Ammoniakgas, das heraufquillt und Augen und Schleimhäute reizend im Raume schwebt. Da heisst es, vor dem Eingang tief einschnaufen und Sauerstoff tanken, reinrennen, den saubersten Schlitz suchen ... und das weitere brauche ich ja nicht aufzuzählen, man weiss ja seit etwa dem dritten Lebensjahr, wie das geht.

Es gibt Varianten mit runden Löchern und solche mit langen Kanälen, auf die man rittlings kauert, einer hinter dem anderen, solche mit und solche ohne Wand oder Wändchen dazwischen, womit man in der peinlichen Lage ist, ohne es zu wollen, genauestens darüber informiert zu werden, was der Vordermann gestern oder vorgestern ... undsoweiter.

Noch althergebrachter geht es abortmässig in den Hutongs zu und her. Hutong werden die typisch chinesischen, engen, eingeschossig gebauten Wohnquartiere genannt, wie sie bis Ende des 19. Jahrhunderts die normale Wohnform im Reich der Mitte war. In den Hutongs gibt es weder Wasseranschluss noch Kanalisation. So alle hundert Meter steht ein Häuschen in der Gasse, ausgerüstet mit einer Wasserpumpe und einer für alle zugänglichen Toilette. Rechts ist der Eingang für Frauen, links für Männer.

Im Innern ist eine der bewährten Technologien installiert, nämlich Schlitze oder Löcher, nicht abgetrennt und nicht mit Wasser bespülbar, so wie oben beschrieben. Es stinkt nasenbetäubend, und die Augen brennen ob des giftigen Ammoniakgases, das aus den Schlitzen heraufsteigt. Sogar Zigaretten, will man denn beim Geschäft eine rauchen, geht der Schnauf aus, weil sie ohne Sauerstoff nicht qualmen können.

Wo Latrinengerüch(t)e entstehen
Und mittendrin im bestialischen Gestank sitzen sie und schwatzen miteinander, über dies und das, was so geschieht, und was die Tomaten gerade kosten, und habt ihr Lü gesehen, sieht gar nicht gut aus. Sie kauern da, als ob sie zu einer Menschengattung gehörten, die auch ohne Sauerstoff leben und überleben kann.

Ich konnte mich leider nie an den Gesprächen beteiligen, weil ich erstens den Gestank nicht ausgehalten habe, und zweitens, weil ich kein Wort chinesisch verstehe. Aber einmal habe ich es doch getan in einem Hutong-Harmoniehäuschen, denn ich wollte diese Erfahrung machen und echt und quasi 1:1 erleben, wie man sich da so fühlt und wie es so ist, damit ich meinen Enkeln wieder einmal eine wahre Geschichte aus dem wirklichen Leben erzählen kann.


(Fotos zu diesem Thema habe ich keine "geschossen", was man sicher allseits versteht. Wer selber einmal echte Abortatmosphäre erleben und in den Dunstkreis chinesischer Häuser der Harmonie steigen will, kann ja, wie bereits erwähnt, das berühmte WC im St.Galler Klosterbezirk besuchen, am besten mittags nach zwölf, oder noch besser, spätabends am St.Gallerfest ...).

Übrigens ...
Der Welt-Toilettentag findet seit 2001 jährlich am 19. November statt. Die «World Toilet Organization» mit Sitz in Singapur will auf das Fehlen ausreichender hygienischer Sanitäreinrichtungen in der Welt aufmerksam machen. Gemäss Weltgesundheitsorganisation WHO haben derzeit 2,6 Milliarden Menschen keinen Zugang zu funktions-tüchtigen Sanitäranlagen, knapp 40 Prozent der Weltbevölkerung.

 

© .by Bruno Kleger CH-9000 St.Gallen ¦ bruno@kleger.net ¦ April 2011