Reise nach China
und wieder zurück

April - September
2011

Seite 44


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Wer weiss was von Weissrussland?



Die neue staatliche Bibliothek in Minsk



Typische Minsker Häuserzeile mit Wohnsilos aus den 1960er Jahren. Man
nennt diese Bauten Breschnewsilos. Sie stehen an der Ausfallstrasse nach
Osten und sollten die Bonzen aus Moskau, wenn sie in Minsk einfuhren,
beeindrucken.



Die wiedererbaute Minsker Musikakademie.



Die meisten Minsker kaufen ihre Lebensmittel nicht im Supermarkt, sondern
sie bevorzugen den Bauernmarkt. Das Angebot ist reichhaltig, die Preise sind
für unsere Verhältnisse sehr günstig. Wenn man jedoch berücksichtigt, dass
das Durchschnittseinkommen monatlich umgerechnet nur etwa 600 Dollar
beträgt, müssen die Byelarussen sehr haushälterisch mit ihrem Geld umgehen.




Popen auf dem Weg zur Michailskirche, die mitten in der Zitadelle von Brest
nach den ursprünglichen Plänen wieder aufgebaut wurde. Selbstbewusst
gehen sie ihres Weges, die Zeit der Unterdrückung ist endgültig vorbei.

Warschau, 19. September 2011
Weissrussland liegt am Weg zwischen Moskau und Warschau. Niemand in unserer Gruppe wusste viel über Weissrussland - ein weisser, unbekannter Fleck auf der Landkarte eben.

Heisst es darum Weissrussland, weil man nicht viel darüber weiss? Die Stadtführerin in Minsk, Tatjana, konnte mir keine überzeugende Antwort über den Landesnamen geben. Olga, die Frau des Popen der russisch-orthodoxen Kirche von Brest, ihres Zeichens Marketingleiterin des Hotels Intourist ebenda, war hingegen bestens dokumentiert.

Kunststück, sie hatte an Universitäten in Moskau, Minsk und Berlin mehrere Sprachen studiert (Russisch, Deutsch, Englisch und Altslawisch) und erklärte mir ausführlich die Wurzeln des Namens. Eigentlich heisse das Land Byelarus und nicht Belarus (der Y taucht übrigens auch im Autokennzeichen auf: BY) und byela bedeute im Altslawischen westlich. Ursprünglich habe es drei Rus gegeben, das Kiewer Rus (heute Ukraine), das Moskauer Rus (Russland) und das Byela Rus, das westliche Rus um Minsk. Im Deutschen habe sich leider der Name Weissrussland so eingebürgert, das er nicht mehr geändert werden könne. Der englische Name Belarus sei etwas, aber auch nicht viel besser.

Ich sagte Olga, das man Namen von Staaten durchaus ändern könne z.B. Simbabwe habe früher Rhodesien, Sri Lanka Ceylon und Myanmar Burma geheissen. Olga schaute verdutzt drein und sagte mir, sie werde das Lukaschenko mitteilen und ihm vorschlagen, für alle Sprachen die Bezeichnung Byelarus zu verordnen. Lukaschenko könnte dies problemlos tun, denn er sei schliesslich Staatspräsident von Weissrussland ... äh Byelarus. Manche nennen Lukaschenko übrigens den letzten Dikatator in Europa. Ich bin gespannt, wie er meinen Vorschlag aufnimmt, und ob ich dafür ein Honorar bekomme, beispielsweise eine Flasche Wodka.

Und zum Land und zu den Byelarussen selbst gibt es auch noch einiges zu sagen. Das Land hat mich positiv überrascht, wobei ich nur die perfekt ausgebaute Autobahn von der russischen zur polnischen Grenze, einen Tag lang die Hauptstadt Minsk und während eines Nachmittages die Grenzstadt Brest kennen lernen konnte. Alles ist aufgeräumt, die Häuser könnten genau so gut in einer westeuropäischen Stadt stehen, der Verkehr pulsiert wie bei uns (Minsk, 1,3 Mio. Einwohner, hat eine U-Bahn und aus den Vororten verkehren Stadler-Züge ins Zentrum). Die Architektur allerdings ist bei vielen Gebäuden aus dem letzten Jahrhundert extrem stalinistisch geprägt.

Byelarus sei in der Sowjetunion immer der kommunistische Musterschüler gewesen. In den Städten von Byelarus gebe es am meisten Leninstatuen - noch heute -, meinte Olga, und in jedem Kaff könne man über eine Leninstrasse, einen Kalininweg oder einen Karla Marxa Bulevar spazieren.

Wirtschaftlich steckt das Land seit Jahren in einer grossen Krise. Die Teuerung ist enorm, das einheimische Geld, das man verdient, wird täglich oder gar stündlich in harte Devisen umgetauscht. "Wir haben nur noch einige wenige funktionierende Grossbetriebe, und die Landwirtschaft ist leider immer noch zu hundert Prozent in Kolchosen und Sowchosen organisiert", sagt uns die Stadtführerin von Minsk. Und die Misswirtschaft in den Kol- und Sowchosen grassiere noch genauso wie zur Sowjetzeit.

Dabei wären die Äcker sehr fruchtbar, das Land ist topfeben und bequem zu bewirtschaften. Wasser sei genügend vorhanden, und die Witterungsbedingungen seien eigentlich gut. "Die Ukraine und Byelarus könnten halb Westeuropa ernähren, vor allem mit Kartoffeln, Weizen und Gerste", ist Tatjana überzeugt.

Aber Byelarus hat noch ein anderes Problem, ein weit schwerwiegenderes. Es heisst Tschernobyl. "Das 1986 explodierte Atomkraftwerk liegt zwar in der Ukraine, aber der überwiegende Teil des radioaktiven Fallouts musste das südliche Byelarus ertragen," sagte Olga resigniert. Viele Menschen - auch Kinder, die Jahre nach dem Unfall geboren wurden - litten an Schilddrüsenerkrankungen, die langwierige und teure Behandlungen erforderten. "Wir müssen alles selber finanzieren, weil die ausländischen Gelder für die Folgen der Atomkatastrophe vor allem in den Sarkophag investiert werden", sagte Olga.

Zum Abschluss besuchten wir in Minsk die katholische Kirche, die vor kurzem wieder eröffnet wurde. Vor der Kirche steht ein Mahnmal mit Urnen, die Erde aus Hiroshima, Nagasaki und Tschernonbyl enthalten. Man werde, sagte Olga, wohl bald auch Urnen mit Erde aus Fukushima, aus Semipalatinsk und anderen verseuchten Orten hinzustellen. Der Pfarrer sei, obwohl die Oberen daran nicht unbedingt Freude hätten, jedenfalls sehr darum bemüht.


Der Vorgarten Russlands
Byelarus gehört wie die Ukraine zu Russlands Vorgarten. Alle Verteidigungskriege, welche Russland im 19. und 20. Jahhundert führte, fanden in diesem Vorgarten statt. Napoleon kam zwar noch bis nach Moskau, fand aber nur eine ausgebrannte Stadt vor und musste sich geschlagen zurückziehen. Im 1. Weltkrieg wurde auf russischem Territorium kein einziger Schuss abgefeuert. Im Grossen Vaterländischen Krieg, wie der 2. Weltkrieg in der ehemaligen Sowjetunion genannt wird, eroberte Nazi-Deutschland zwar grosse Teile des westlichen Sowjetreiches, aber kurz nach der ukrainischen Grenze zum eigentlichen Russland wurde der Vormarsch gestoppt. Im Norden drangen die Deutschen etwas weiter vor, aber sowohl Moskau als auch St.Petersburg konnten nicht genommen werden, weil die russische Verteidigung zu stark und der Winter 1941/42 zu hart waren.

Auch gegenwärtig werden Byelarus und die Ukraine von den Russen strategisch als Pufferstaaten betrachtet, weshalb aus Moskau bezüglich eines Beitritts dieser Staaten zur Nato ein absolutes Njet zu hören ist. Moskaus Strategen sehen die Nato eben lieber vor dem Gartentor als direkt vor der Haustüre.


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Eingang zur Zitadelle von Brest. Riesige Mahnmale erinnern an den Grossen Vaterländischen Krieg.

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Nur noch wenige Bauten der Brester Zitadelle und der Verteidigungsanlagen sind erhalten geblieben. Die meisten Bunker und Häuser wurden während
der zweiwöchigen Belagerung und anschliessenden Eroberung durch die deutschen Truppen im Juni 1941 dem Erdboden gleichgemacht. Wieder-
erstanden sind nur drei Kirchen und ein riesiges Mahnmal zum Gedenken an die im 2. Weltkrieg gefallenen Soldaten sowie an die vielen
sogenannten sowjetischen Heldenstädte wie St.Petersburg, Smolensk, Kiew, Charkow, Wolgograd usw., deren Einwohner unter den Folgen des
Krieges so unsäglich hatten leiden müssen.



© .by Bruno Kleger CH-9000 St.Gallen ¦ bruno@kleger.net ¦ April 2011