Reise nach China
und wieder zurück

April - September
2011

Seite 45


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Norm erfüllt - und wie


Eine Gullydeckel von der ganz heimtückischen Sorte, weil er nur wenige
Millimeter hervorragt, aber den Pneus ganz schön zusetzen kann.




Dieser Gullydeckel sieht harmloser aus, als er ist, aus der Nähe. Aber wenn
man mit 50 über die Strasse braust, hat man keine Zeit, jeden Gullydeckel
einer genauen Überprüfung zu unterziehen.




Hier ist nicht der Gullydeckel die Gefahr, sondern das Loch, das er
hinterlassen hat. Dass dieser Gullydeckel im Fussgängerbereich fehlt,
ändert an der gefährlichen Sachlage eigentlich nichts. Hier besteht die
Gefahr ganz einfach nicht darin, dass Radaufhängungen zu Bruch, sondern
dass Fussgänger verloren gehen können.


Manchmal fehlen sie ganz einfach. Und wenn man das nicht rechtzeitig bemerkt, hat man Pech gehabt. Klappern tun sie im ehemaligen Sowjetreich alle, wenn man über sie fährt. Es tönt dann wie beim Fahren mit einem Zug auf einem schlecht gewarteten Geleise ... ratterat ... ratterat ... ratterat. Besser ist es, sie zu um- oder rittlings zu überfahren. Aber das gelingt nicht immer, besonders nicht bei starkem Verkehr, wenn die Fahrspuren links und rechts besetzt sind.

Manchmal sind sie auch darum gefährlich, weil Teile von ihnen, aus kantigem Stahl, in die Höhe ragen. Würde man sie mit dem Pneu erwischen, hätte man den Salat ... Pneusalat nämlich. Ausweichen oder abrupt stoppen ist auch hier empfehlenswert.

Und manchmal haben sie sich ein wenig in den Asphalt oder Beton zurückgezogen, quasi etwas versteckt unter dem Strassenniveau. Von diesen hat es am meisten, sie sind im Sowjetreich die Norm. Heimtückisch sind auch sie.

Von Gullydeckeln ist die Rede. Von hundsgewöhnlichen Gullydeckeln, die in Mitteleuropa niemand zur Kenntnis nimmt. Weil sie (meistens) perfekt gebaut sind und deshalb nicht auffallen. Und weil sie bei uns (noch) nicht geklaut werden. Aber das kann ja noch kommen. Den SBB wurden ja auch schon Fahrleitungen gestohlen. Allerdings ist der Kupferpreis bedeutend höher als jener von Alteisen.

Ein weiterer Bauteil, wenn man so sagen will, der im Sowjetreich keiner Norm folgt, ist die Treppe. Während in Westeuropa und weit darüber hinaus Treppen nach festgelegten Normen für Stufenhöhe und -tiefe gebaut werden, so folgte - und folgt? - man im ehemaligen Sowjetreich bei der Betonierung oder Mauerung einer Treppe dem Zufallsprinzip. Hauptsache, die obere Stufe ist etwas höher als die untere, um wie viele Zentimeter, das kann varieren ... bei der gleichen (nicht der selben!) Treppe sogar von Stufe zu Stufe.

Ich habe Treppen gesehen (das zugegeben etwas unscharfe Foto zeigt diejenige des Museums für Kristalle und Seltene Erden in Miass), bei der jede Stufe unterschiedlich hoch und tief, ja sogar aus verschiedenem Material gefertigt war, mal betoniert, mal aus Marmor, mal aus Granit (würde ja eigentlich zum Thema des Museums passen!). Wenn man beim Treppensteigen nicht höllisch aufgepasst hätte, hätte man leicht einen schmerzhaften Knackser im Fussgelenk einfangen können.

Wir haben mal gewerweisselt, warum dem so ist. Wir kamen zur Erkenntnis, dass in der Sowjetwelt, in der alles, ja wirklich alles genormt war, die Menschen wohl eine grosse Sehnsucht nach dem Abnormen hatten ... und diesen Wunsch nach dem Andersartigen dort erfüllten, wo es eben ging, beispielsweise beim Treppenbauen.

PS Gehört (von Guides notabene), aber nicht selbst gesehen, habe ich von Treppen, die zu keinem Eingang führten, und von Eingängen, ein Meter über Boden, die über keine Treppe verfügten. Da habe das Ministerium für Treppenbau, sagte uns ein Guide, halt ganz einfach vergessen, dem Amt für Hauseingänge mitzuteilen, dass sie eben dort eine Treppe plane, oder aber die entsprechende Mitteilung sei von einem Beamten "verhühnert" worden und die Treppe "liege jetzt halt einfach irgendwo ungenutzt herum und führe ins Nichts".

Die oben beschriebene Treppe

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Miass, die Stadt an den östlichen Ausläufern des Ural, also noch in Asien gelegen, hatte neben dem (übrigens sehr sehenswerten) Museum für Kristalle
und Seltene Erden noch weitere seltene oder -same Sehenswürdigkeiten zu bieten. Rechts: Das Ausflugschiff auf dem Miasser See legt im Hafen von
Miass an. Sowohl das Pier, aus einer Holzpalette gefertigt, als auch die Anlagestelle mit dem buchstäblichen Stein des Anstosses sowie die
Navigationskünste der Hafenbehörde sind höchst bemerkenswert und sind Zeugen einer hochentwickelten Infrastruktur.

Links: Die Copacabana von Miass. Das vergitterte Kabäuschen kann von allen, nicht nur von der örtlichen Gefängnisverwaltung, gemietet werden.
Es sei auch kein Relikt aus Gulag-Zeiten, wie uns die örtliche Guide glaubhaft versicherte. Das schmucke Häuschen sei übrigens bei Liebespaaren sehr
beliebt (was wir dann etwas weniger glaubten). Bastler, die gerne diese Verweilhütte nachbauen möchten, sollten vorher unbedingt die ausgeklügelte
Konstruktion der Fenster beachten, ohne die eine Sicht ins Freie stark beeinträchtigt wäre.

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In Miass werden seit den Kriegsjahren die echt sowjetischen Lastwagen der Marke Ural hergestellt. Sie sind, da sie sowohl technisch als auch bezüglich
Umweltschutznormen um Jahrzehnte der Entwicklung buchstäblich hinterherhinken, praktisch unverkäuflich. Die Helden der Arbeit (Galerie links)
werden trotzdem wie in den besten Sowjetzeiten auf Plakatwänden geehrt (statt besser bezahlt), und vor dem pompösen Haupteingang prangen
auf grossen Stellwänden die Fotos der geschäftsführenden Direktoren seit der Gründung bis heute. Man stelle sich vor, das wäre auch bei uns Mode.
Wie würde sich wohl, um nur ein Beispiel aufzugreifen, eine solche Galerie auf dem östlichen Teil der Sonnenstrasse in St.Gallen vor dem Haupteingang G
präsentieren?


© .by Bruno Kleger CH-9000 St.Gallen ¦ bruno@kleger.net ¦ April 2011