Reise nach China
und wieder zurück

April - September
2011

Seite 49


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Das schnelle Ende einer langen Reise


Im Rückspiegel sieht manches verklärter aus, als es tatsächlich war.



Und manches, was ich gesehen habe, verstehe ich immer noch nicht.
Und vieles, was mir erzählt wurde, war nur die halbe Wahrheit. Aber
welche Hälfte vom Ganzen ist Tatsache?




Dieses Motto trifft ins Schwarze: Der Weg ist das Leben (gesehen in Minsk)



So gesund und munter sah ich aus am Ende der Reise (Das Foto
hat ein Reisefreund in Minsk "geschossen". Obwohl es nicht danach
aussieht, aber ich kann versichern, dass ich zum Zeitpunkt des "Schusses"
absolut nüchtern und bei vollem Bewusstsein war, das müsst ihr mir einfach
glauben, auich wenn es nicht danach aussieht.)


PS Der Bart ist zum Zeitpunkt der Aufnahme haargenau fünfzig Tage alt.
Der Entschluss, mich nicht mehr zu rasieren, habe ich an der chineisch-
mongolischen Grenze gefasst, als mich die Zollbeamten des Reichs der
Mitte administrativ in Haft nahmen. Ich werde ihn erst dann rasieren,
wenn ...

Dresden, 23. September 2011
Eine fünf Monate dauernde Reise nähert sich dem Ende. Der letzte Tag ist wie der erste, nur geht die Fahrt in die andere Richtung, von Dresden zurück nach St.Gallen.

Und, wie war sie, die Reise? War sie so, wie du sie dir vorgestellt hast? Was war das schönste Erlebnis, und was das eindrücklichste? Hast du auch mal bereut, die Reise überhaupt angetreten zu haben und hättest dir gewünscht, du wärst wieder zu Hause, im warmen Bett oder im kühlen Schatten unter der Linde im Garten an der Schneebergstrasse? Und hast du die Verwandten und Bekannten vermisst, vor allem die drei Musketiere?

Nun, ich kann einige Rankings erstellen über dies und jenes, was mir am besten gefallen hat - und auf was ich gerne verzichtet hätte.

Landschaften
Landschaftlich haben mir alle bereisten Länder gut bis sehr gut gefallen, Westrussland, die Ukraine und Weissrussland etwas weniger. Nicht alle waren so reizvoll und abwechslungsreich wie Kyrgyzstan oder der Westen und Süden Chinas. Aber auch die kargen Gebiete Kasachstans, Usbekistans und der Mongolei haben mich fasziniert. Die Takla Makan und die Gobi hätte ich jetzt beinahe vergessen, dabei waren sie ein Erlebnis, und wir brauchten gut vierzehn Tage, um die Takla Makan von West nach Ost zu durchqueren. Und die Zugreise durch die Gobi habe ich in einem anderen Bericht ausführlich beschrieben.

Russland ist ein Sonderfall, weil es so gross ist, aber beeindruckend sind die weiten Wälder und Felder auf jeden Fall. Und einiges muss man einfach einmal gesehen haben, damit man weiss, wie es wirklich aussieht, wie beispielsweise die kasachische Steppe, oder der Baikalsee, oder das bergige Sichuan, oder die Gegend südlich des Aralsees zwischen Amur Darya und Syr Darya in Usbekistan. Alle Gegenden haben ihren Reiz und sind auf eine jeweils andere und eigene Art beeindruckend.

Auch die Flüsse nicht zu vergessen! Ich bin ja ein Flüssesammler (Habe schon einige grosse und mächtige - oder einfach geschichtlich trächtige - im Palmares wie Nil, Jordan, Euphrat und Tigris, Mississippi, Yangtse, Roter Fluss, Mekong, Salween usw. usw.
). Den Don haben wir überquert, sind der Wolga entlang gefahren, von Wolgograd bis ins Delta bei Astrachan. Dann wie bereits erwähnt die beiden Daryas, in China der Gelbe Fluss, und der Ming, ein grosser Zufluss des Yangtse - und in Sibirien die Angara, der Yenisseij, der Ob und die Irtisch. Nach dem Ural die Kama, die Kasanka, die Oka, der Dniepr... und dann wieder die majestätische Wolga, der wir von Kazan bis Nischni Nowgorod entlang mäandert sind.

Wichtige Reiseziele waren Städte. Und ihre Sehenswürdigkeiten. Einige wenige habe ich in den Berichten erwähnt - andere hätten es ebenfalls verdient, aber es waren einfach zu viele. Und einige waren echt gesichtslos und ohne geschichtlichen Hintergrund. Um bemerkt und erwähnt zu werden, muss man halt eine Hauptstadt sein, eine besondere kulturelle Sehenswürdigkeit oder einen historischen Meilenstein vorweisen können - oder ausnehmend hässlich und grässlich sein.

Menschen
Wir haben viele Menschen kennengelernt. Die einen mehr, die anderen weniger. Die Sprache war oft ein unübe-windliches Hindernis. Hätte ich in der Schule doch mehr gelernt, usbekisch zum Beispiel, oder russisch, oder mongolisch. Warum habe ich im Chinesisch-Unterricht so oft gefehlt. Oder warum war ich immer dann krank, wenn "Kyrgysisch" auf dem Stundenplan stand.

Zum Glück war ich in den Fächern Mimik und Gestik immer der Klassenbeste. Das hat mir auf dieser Reise viel geholfen. Oft hätte man mir ein fades Reisgericht statt einer feurigen Nudelsuppe serviert, hätte man meine mimischen und gestischen Mitteilungen nicht richtig interpretiert.

Und wenn die Musik in der Informationsvermittlung eine Rolle spielte, klappte es mit der Verständigung eigentlich immer vorzüglich. Gefühle lassen sich mit Musik sehr gut ausdrücken.

Aber Musik hat auch seine Grenzen. Man kann Gefühle ausdrücken, vielleicht noch Erwartungen oder Ängste. Aber es ist unmöglich, musikalisch ein Bier zu bestellen oder gar eine chinesische Reistafel.

Auf dieser Reise habe ich einige Tausend Menschen gesehen, vielen bin ich begegnet, mit einigen habe ich mich mischisch und gestisch unterhalten, aber nur mit wenigen habe ich gesprochen. Eigentlich schade. Aber trotzdem haben sie mich beeindruckt, viele, sehr viele sogar - und ich hoffe sehr, dass es auch ein wenig umgekehrt der Fall war, dass es einige gibt, auch wenn es nur wenige sind, die sich gerne an mich erinnern.

Kultur
Kultur wurde uns in einigen Bereichen zu viel, in anderen nach meinem Geschmack zu wenig geboten. Wir besichtigten eindeutig zu viele Kirchen, Moscheen und Buddhagrotten. Aber welche hätte man aus dem Programm streichen sollen? Jede Sehenswürdigkeit hatte seinen Reiz, hatte etwas Besonderes zu bieten, auch wenn es nur die Hällou-Strassen waren.

Darum rede ich lieber von dem, was mir etwas gefehlt hat, und das war die Musik. Ich habe überall alles in mich hinein gesogen, was musikalisch geboten wurde, und wenn es auch nur über die örtliche Radiostation war, die ich im Auto empfangen konnte. Auch abends habe ich immer auf UKW und Mittelwelle rumgesucht, um die einheimischen Kanäle zu finden und möglichst originale Musik aus der jeweiligen Gegend zu hören. Und jede Gelegenheit packte ich beim Schopf, um eine CD mit einheimischer Musik zu posten, beispielsweise, wenn ich in einem Laden Musik aus dem Lautsprecher hörte, die mir gefiel, habe ich gestisch und mimisch an der Kasse mitgeteilt, dass ich gerne genau diese CD kaufen möchte, mit der man die Kundschaft gerade berieselte. Leider konnte mir man meistens nicht helfen.

Zusammengefasst: Hie und da hätte ich schon gerne ein Konzert mit einheimischer Musik mehr miterlebt, als es uns tatsächlich geboten wurde. Aber wie ich von mehreren der einheimischen Guides erfahren habe, ist originale Musik bei Touristen nicht so gefragt. "Folklore ja, aber bitte nicht zu authentisch. Musik ja, aber bitte nicht zu echt. Die einheimische Musik tönt halt ganz einfach den meisten Touristen zu fremd." Das, was musikalisch ankomme, sei eigentlich eher das etwas Verfälschte, das Klischeehafte. Musikantenstadel lässt grüssen. Oder Iwan Rebroff. Oder "Das Land des Lächelns".

Seis drum. Einige CDs mit originaler Musik habe ich trotzdem gefunden. Und niemand kann mich daran hindern, sie "z'lose".

Ein Lob den Mobilhomes - und deren Erschaffern
Unsere Autos mussten einiges aushalten und verkraften. Im grossen und ganzen haben sie hervorragende Arbeit geleistet, insbesondere auch mein Hymer Fiat Ducato. Ich hätte es vor der Reise nicht für möglich gehalten, dass Antrieb, Chassis und insbesondere die Pneus samt Federung und Radaufhängung so stabil sind. Ein Kompliment an die Konstrukteure, Hersteller und Serviceleute!

Mein Camper hat nie ein Wehwehchen gehabt: Ich musste nie Luft nachpumpen, nur einen halben Liter Öl nachfüllen, nie Wasser in den Kühler nachschütten, nie in der Elektronik oder elektrischen Anlage rumbasteln oder eine lockere Schraube nachziehen - einzig den Luftfilter musste ich wegen des horrenden Staubes in der Takla Makan, der Gobi und entlang der vielen Baustellen auswechseln und einmal eine neue Bremslampe eindrehen. Die einzigen Schäden haben die Natur (Hagelschlag) und andere Fahrzeuge (Steinschlagspinnen an der Frontscheibe, Kratzer von einer Rikscha, Lackschäden von Chemikalien, die ein Lastwagen während der Fahrt "verloren" hatte) verursacht.

Andere Reiseteilnehmer hatten mit ihren Fahrzeugen weniger Glück. Insgesamt verzeichnete die Gruppe zehn platte Reifen, davon fünf beim gleichen Auto. Es mussten rinnende Kühler gelötet, Anlasser, Alternatoren und Batterien ersetzt und undichte Ölwannen repariert werden. Kollisionen, ausser einigen harmlosen Streicheleinheiten anderer Fahrzeuge, hatten wir glücklicherweise nicht zu verzeichnen.

Stellplätze sind das Problem
Stellplätze nennt man jene Orte, auf denen man nach der Fahrt parkiert und übernachtet. Wenn uns Hotelparkplätze zur Verfügung standen oder wir in der Pampa (draussen auf dem Feld oder in der Steppe) wild campten, konnte man in der Regel nicht klagen.

Bei Hotels war es manchmal etwas eng, aber dafür standen uns in gemieteten Zimmern - in der Regel zwei für alle Teilnehmer und die Guides - Duschen und Toiletten zur Verfügung. Wenn gar in einem Garten die Campingstühle aufgestellt werden konnten und/oder ein Platz zum Grillen bereit stand, dann war die Camperseele zufrieden.

Am liebsten waren mir die Übernachtungen auf freiem Feld. Da hatte man Platz, konnte ein Feuer machen, nachts die Sterne bewundern und bis gegen Morgen laute Gespräche führen - Campingromantik eben.

Weniger zufrieden waren wir auf sogenannten Autohöfen. Das sind Abstellplätze für Fernfahrer mit ihren riesigen Vehikeln. Da ist es staubig und ölig, eng und lärmig. Kaum sind die letzten Fernfahrer eingebrummt, donnern die ersten schon wieder los. Es herrscht die ganze Nacht Hochbetrieb. Es werden Räder gewechselt und Pneus geflickt, es wird gehämmert und gebohrt, Ladungen werden neu verzurrt, ratternde Kühlaggregate lärmen - und besonders schlimm ist es dann, wenn mitten in der Nacht geflickte Motoren einen Testlauf absolvieren müssen - Fernfahrerromantik eben.

Camperreisen, wie wir jetzt eine gemacht haben, sind in Ländern ohne Campinginfrastruktur nur möglich, wenn Stellplätze bei Hotels gemietet werden können. Nach meiner Einschätzung werden aber immer weniger Hotels bereit sein, Camper auf ihrem Territorium zu beherbergen. Wir bezahlten zwar für die Benützung des Parkplatzes und mieteten zwei Zimmer. Aber das Hotel-Restaurant oder die Bar machten mit uns nie grosse Umsätze, weil wir selber kochten oder uns in den viel interessanteren und meistens auch günstigeren Quartierbeizen verpflegten. Und das Bier oder den Wodka tranken wir nicht an der teuren Bar, sondern wir holten sie uns im Supermarkt.

Einige Hotels, wie es bereits in Beijing der Fall ist, verlangen pro Auto so viel für eine Übernachtung auf dem Parkplatz, wie ein Zimmer kosten würde. Man wäre ja blöd, wenn man dann nicht auch das Zimmer belegen würde. Camping-romantik Ade!

Die Organisatoren solcher Reisen werden es immer schwieriger haben, geeignete Plätze zu finden, weshalb nach meiner Einschätzung diese Reisen - vor allem in Länder wie China - immer teurer oder gar unmöglich werden. Dazu kommt, dass auch manche Staaten (China, Burma, die moslemischen Staaten wie Iran, Turkmenistan, Pakistan und Tadschikistan) an den Campern, nennen wir es mal so, nicht gerade Freude haben. Die Camper sind ihnen zu unabhängig, sich bewegen sich zu frei, man kann sie nur mit grossem Auifwand kontrollieren. Deshalb bauen diese Staaten Hürden auf, die nur mit grossem finanziellen Aufwand zu überwinden sind, oder, wie in unserem Fall, die Einreise nur über einen Pass erlauben, der für Camper, haben sie denn keinen Allradantrieb, eigentlich nur mit grossem Wetterglück überwunden werden können. Reisefreiheit Ade!

Aber, wer weiss, vielleicht ändern sich ja bald einmal auch in diesen Ländern die politischen Verhältnisse, und es wird möglich sein, auch sie nach Herzenslust und ohne Schikanen zu bereisen. Aber - ja, alles hat ein Aber - dann werden wahrscheinlich wieder viel zu viele Camper unterwegs sein, die Infrastruktur überfordern, die lauschigen Plätze überbevölkern und die Transitstrassen verstopfen.

Andere Themen ... oder es gäbe noch viel zu schreiben
Es gäbe noch Themen, die ich hier nicht angesprochen habe, wie z.B. Essen oder Sprachen. Da ich diese in anderen Berichtgen jedoch ausführlich behandelt habe, verzichte ich hier auf Wiederholungen.

Und die nächste Reise kommt bestimmt. So, wie ich mich kenne, dürfte bald wieder eine fällig sein. Wohin, das steht noch in den Sternen ... aber wieso nicht einmal eine Reise dorthin?


 

© .by Bruno Kleger CH-9000 St.Gallen ¦ bruno@kleger.net ¦ April 2011